Vom Gemeindezentrum der Zehlendorfer Pauluskirche : "Sundgau ist nicht zu halten"

Vor 50 Jahren erbaut und von der Gemeinde geliebt - aber dann wieder abgerissen. Das vom Architekten Kurt Kurfiss konzipierte Gemeindezentrum der Evangelischen Pauluskirche in der Sundgauer Straße überlebte nicht sehr lange. Unser Autor erinnert sich.

Lothar Beckmann
So sah es aus, das Gemeindezentrum der Evangelischen Pauluskirchengemeinde Sundgauer Straße 47, ein Bau des Zehlendorfer Architekten Kurt Kurfiss.
So sah es aus, das Gemeindezentrum der Evangelischen Pauluskirchengemeinde Sundgauer Straße 47, ein Bau des Zehlendorfer...Foto: privat/promo

Im August 1963, vor 50 Jahren, fertig gestellt und feierlich seiner Bestimmung übergeben. Im April 1992 aufgegeben, verkauft und wenig später abgerissen. So kurzlebig kann das Dasein eines Hauses in Zehlendorf sein. In diesem Beispiel ereilte das Schicksal das Gemeindezentrum der Evangelischen Pauluskirchengemeinde Sundgauer Straße 47. Viele Zehlendorfer erinnern sich - vielleicht etwas wehmütig - an diesen markanten Flachbau des Zehlendorfer Architekten Kurt Kurfiss. Zwischen Forbacher Straße und Schützallee, wo der Vorposten im damaligen Pfarrbezirk Ost der Paulusgemeinde stand, erstreckt sich heute ein mehrgeschossiges Wohngebäude.

Kleine Erinnerung: Der Gemeindestützpunkt im Bungalowstil erhob sich auf einer leichten Anhöhe. Von der Sundgauer Straße betraten ihn die Besucher über breite Treppenstufen, vom Forbacher Platz aus, quasi von der Rückseite, war er hingegen ebenerdig zu erreichen. Das Haus war recht zweckmäßig konstruiert. Links vom Eingang lag ein fast quadratischer Gemeindesaal für etwa 60 Personen, benutzt für Konfirmandenunterricht, Jugendfeten, Bibelstunden, Helferkreise, aber auch von anderen Gruppen, zum Beispiel den Anonymen Alkoholikern. Rechts die Pfarrwohnung mit Sonnenterrasse vor dem Wohnraum und einer Außenkanzel, die am 24. August 1963, bei der Übergabe des Zentrums, zum ersten und wohl auch einzigen Mal in Gebrauch war.

Das Gemeindehaus mit der Pfarrerwohnung im Vordergrund.
Das Gemeindehaus mit der Pfarrerwohnung im Vordergrund.Foto: privat/promo

Im Mitteltrakt zwischen den beiden Gebäudeteilen erstreckte sich ein flurähnlicher Warteraum. Nach rechts schlossen sich ein winziger Büroraum und das Arbeitszimmer des Pfarrers an. Hinter dem Gemeindesaal und seiner langen, schmalen Teeküche befand sich die Wohnung der Gemeindeschwester, die einen separaten Eingang auf der Rückseite des Hauses hatte. Erste Mieter in dem modernen Zweckbau waren Pfarrer Reinhard Miethner mit seiner Familie und Schwester Liselotte Block vom Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf, die im August 2013 im Alter von 100 Jahren verstarb.

Pfarrer Reinhard Miethner, verstorben 2012, erinnerte sich, dass sich seine Familie sehr wohl fühlte in dem modernen Mehrzweckhaus. "Wir genossen das große Fenster im Wohnzimmer, das einen Blick über die Gärtnerei Rothe hinweg bis zur Clayallee erlaubte", schreibt Pfarrer Miethner in einem Aufsatz. Es seien viele Menschen ins Haus gekommen: Nachbarn, Bekannte und Unbekannte. Miethner: "Man kann sagen, dass die Türen fast immer offen standen."

Gemeindehaus in der Sundgauer Straße 47
Gemeindehaus in der Sundgauer Straße 47Foto: Festschrift der Paulusgemeinde

In der Paulusgemeinde, die überaltert war und deren Mitgliederzahl stetig sank, reifte seit 1988 der Entschluss: "Sundgau" ist finanziell und personell nicht mehr länger zu halten. 1992 trennte sich die Kirchengemeinde schließlich von dem Gemeindehaus, um mit dem Verkaufserlös die sanierungsbedürftige Pauluskirche am Rathaus Zehlendorf aufzupäppeln. Am 23. April 1992 fand die letzte Bibelstunde im Gemeindezentrum Sundgauer Straße 47 statt. Wenig später wurde das von Kurt Kurfiss entworfene Haus eingerissen und abgetragen, um zehn Sozialwohnungen sowie einer Behindertenwohnung Platz zu machen.

Der Autor Lothar Beckmann ist Diplom-Volkswirt und war viele Jahre Journalistischer Leiter bei der Stiftung Warentest
Der Autor Lothar Beckmann ist Diplom-Volkswirt und war viele Jahre Journalistischer Leiter bei der Stiftung Warentest.Foto: Stiftung Warentest

Andere von Kurt Kurfiss (1908-1987) geplante Zehlendorfer Bauten existieren dagegen noch heute und sind sichtbare Zeugen der Berliner Nachkriegsarchitektur. Dazu zählt der heute als Kulturkiosk genutzte ehemalige Zeitungskiosk auf der Ecke Potsdamer Straße/Teltower Damm in Zehlendorf-Mitte. Oder der Flachbau des einstigen Minigolf-Clubs in der Fischerhüttenstraße 54 (inzwischen sichtbar umgebaut). Auch das Ladengebäude der Firma Rothe Gartenbau in der Clayallee 282 wurde von Kurfiss entworfen. Außerdem gehen mehrgeschossige Siedlungsbauten in der Straße An den Hubertshäusern in Nikolassee und in der Mörchinger Straße auf den Zehlendorfer Architekten zurück.

Der Autor hat viele Jahre für die Stiftung Warentest gearbeitet und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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