Zehn Jahre Liebermann-Villa : Lob des Biergartens

Max Liebermann liebte das Spiel von Licht und Schatten bei Molle und Kaffee unter freiem Himmel. Es inspirierte ihn zur impressionistischen Malerei. Das zeigt eine Ausstellung in der Liebermann-Villa.

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Feuchtfröhlicher Havelausguck. Dieses Bild vom idyllischen Biergarten des 1819 erbauten Blockhauses Nikolskoe malte Max Liebermann im Jahre 1916.
Feuchtfröhlicher Havelausguck. Dieses Bild vom idyllischen Biergarten des 1819 erbauten Blockhauses Nikolskoe malte Max Liebermann...Foto: Andres Kilger/SMB – Nationalgalerie

Hoch lebe König Max! Dass er seinen Titel als erster Monarch des Königreichs Bayern Preußens Feind Napoleon verdankte – vergeben und vergessen, längst aufgewogen durch seinen Beitrag zur aktuellen deutschen Freizeitkultur. Im Jahre 1812 hatte er den bayerischen Brauereien offiziell erlaubt, über ihren von Kastanien beschatteten Eiskellern in den Sommermonaten Bier auszuschenken – die Geburtsstunde des Biergartens.

Im Jahre 1879 wiederum entdeckte ein zu malerischen Studienzwecken an die Isar übergesiedelter Berliner die doppelten Freuden eines kühlen Hellen unter Bäumen – für den Gaumen und fürs Auge. Aus diesem Jahr ist in einem Dorf nahe Dachau die kleine Ölstudie „Biergarten in Etzenhausen“ entstanden, Max Liebermanns offenbar erste künstlerische Auseinandersetzung mit der König Max I. Joseph zu verdankenden Gastronomieform. Von der Farbenpracht seiner späteren Biergarten-Bilder, die denen seiner Gartenstücke kaum nachstehen, ist noch nichts zu ahnen. Das Bild ist fast monochrom in Brauntönen gehalten, das flirrende Licht des Impressionismus hat noch nicht zu strahlen begonnen. Eine eher bäuerliche Szene, der Biergarten ist noch kein Ausflugsziel, sondern Teil des dörflichen Alltags für die kleine, durstlöschende Pause zwischendurch.

Der „Biergarten in Etzenhausen“ ist das älteste Bild in der am Sonntag in der Liebermann-Villa am Wannsee eröffneten Ausstellung „Max Liebermann – Biergärten und Caféterrassen“, mit der das Haus zugleich sein zehnjähriges Bestehen feiert. Ein zur Jahreszeit wie auch zum Haus selbst prima passendes Thema, wird doch aus Liebermanns grünem, sorgfältig rekonstruierten Paradies zwar wohl nie ein Biergarten, ein idyllisches Café mit seeseitiger Sommerterrasse aber gehört dazu, der rechte Ort, um den Kunstgenuss ausklingen zu lassen.

Biergärten und verwandte gastronomische Betriebe, gerne am Wasser mit seinem verwirrenden Wellenspiel gelegen, haben Liebermann seit seiner Münchner Zeit fasziniert, ja man kann an diesem Sujet, so beschreibt es Martin Faass, Direktor der Museumsvilla und Kurator der Ausstellung, geradezu die Entwicklung Liebermanns nachvollziehen, das allmählich erwachende, nicht zuletzt dem Biergarten-typischen Spiel aus Licht und Schatten zu verdankende Interesse an impressionistischer Malweise.

Ein Spaziergang durch den Garten der Liebermann-Villa
Ist das nicht schön hier? Ein Besuch der Liebermann-Villa am Wannsee lohnt sich immer. Herrlicher Garten, ...Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Kitty Kleist-Heinrich
18.06.2014 13:37Ist das nicht schön hier? Ein Besuch der Liebermann-Villa am Wannsee lohnt sich immer. Herrlicher Garten, ...

Holland, das Liebermann seit 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges fast jeden Sommer besuchte, wird dabei zur wichtigen Inspiration, die Gartenlokale in Leiden etwa und hier besonders das Restaurant „De Oude Vink“, im 19. Jahrhundert eine beliebtes Ausflugsziel des Leidener Bürgertums, malerisch, ja, in der Tat, an einer Biegung des Rheins gelegen, samt Bootsvermietung und kleinem Karussell – ein Lokal, das schon was hermachte, nicht länger der bäuerliche Ausschank wie in Etzenhausen. Liebermann vollzog damit den sozialen Wandel nach, den diese Lokalitäten im 19. Jahrhundert durchmachten, von der Bierschwemme zum Ausflugsort für die gehobenen Kreise wie etwa dem feinen, noch heute existierenden Hotel Louis C. Jacob an der Hamburger Elbchaussee mit seiner Lindenterrasse, an der Liebermann, als er im Auftrag der Kunsthalle Bilder mit Hamburger Motiven malte, nicht nur als Gast, sondern ebenso als Künstler Gefallen fand.

Sein neu errichtetes Sommerhaus am Wannsee hatte Liebermann im Juli 1910 bezogen, und mit Kriegsausbruch vier Jahre später wurden dessen Garten und die Bierlokale und Caféterrassen der Umgebung zu den wichtigsten Motiven des Malers. Orte wie die Ausflugslokale Moorlake oder besonders Nikolskoe mit seinem fantastischen Blick über die Havel. Der Krieg scheint in einer 1916 gemalten Sommerszene weit weg zu sein, friedlich genießen die Ausflügler den Sonnentag. Kaum vorstellbar, dass zugleich die Schlacht von Verdun tobte, auch der mit weiblicher Begleitung den Tag genießende Soldat wirkt nicht, als müsse er bald an die Front.

Max Liebermann an seinem 85. Geburtstag am 20. Juli 1932.
Max Liebermann an seinem 85. Geburtstag am 20. Juli 1932.Foto: picture alliance / dpa

Moorlake und Nikolskoe locken noch immer Gäste an, andere Wannseer Stätten des Freiluftvergnügens, die Liebermann noch besuchte und malte, sind längst verschwunden – die Gebäude abgerissen, oder umgenutzt. Auf einem wandhohen historischen Stadtplan sind sie verzeichnet und mit Fotos dokumentiert – der Schwedische Pavillon beispielsweise, etwas südlich der Liebermann-Villa. Den Namen hatte er vom Pavillon des Königreichs Schweden auf der Wiener Weltausstellung 1872 übernommen, dessen Umsetzung der Bankier Wilhelm Conrad, Gründer der Colonie Alsen und damit des Vorortes Wannsee, initiiert hatte. Das Holzhaus wurde 1910 durch ein repräsentatives Steingebäude ersetzt, in dem Liebermann 1927 seinen 80. Geburtstag feierte und in dem er zum Ehrenbürger Berlins ernannt wurde. In der NS-Zeit wurde hier eine Rundfunkabhöranlage betrieben, nach dem Krieg wurde das Haus als Heim für chronisch Kranke genutzt, heute ist es in luxuriöse Eigentumswohnungen aufgeteilt.

Wie anders war da doch die Geschichte des Blockhauses Nikolskoe verlaufen, das neben dem Gemälde mit zwei Skizzen Liebermanns vertreten ist. 1819 war es im Auftrag Friedrich Wilhelms III. im russischen Stil errichtet worden, als Geschenk für seine Tochter Charlotte, Ehefrau des russischen Thronfolgers Großfürst Nikolaus. Bewohnt wurde es von dessen russischen Leibkutschern, von denen einer irgendwann anfing, durstigen Spaziergängern Bier und andere Getränke zu verkaufen – erst ohne Erlaubnis, dann mit offizieller Genehmigung. Ein geschäftstüchtiger Mann: Bald war Nikolskoe eines der beliebtesten Ausflugsziele Berlins.

„Max Liebermann – Biergärten und Caféterrassen“, Liebermann-Villa, Colomierstraße 3 in Wannsee, bis 12. September (www.liebermann-villa.de)

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