Berlin : Bezirksfusion: Der Hochzeitstermin steht fest, doch die Party fällt wohl aus

Johannes Metzler

Friedrichshain / Kreuzberg. Knallende Korken und ein Haufen Scherben für die Brautleute - wenn zwei Verlobte Kurs auf den Hafen der Ehe nehmen, herrscht am Vorabend zumeist ausgelassene Stimmung. Im Falle von Friedrichshain und Kreuzberg, den beiden Berliner Bezirken, die vor rund zweieinhalb Jahren im Zuge der Gebietsreform zwangsverlobt wurden, ist es ganz anders: Statt eines feuchtfröhlichen Polterabends wird es auf beiden Seiten nur säuerliche Mienen geben. Kreuzbergs grüner Bürgermeister Franz Schulz berichtete, er sei seinerzeit vor Schreck fast aus dem Sessel gefallen, als er die Kunde von der anstehenden Hochzeit in den Nachrichten vernahm. Und auch im ehemaligen Ostbezirk Friedrichshain hatten die Bezirkspolitiker eher von einer Hochzeit mit Lichtenberg oder Prenzlauer Berg geträumt - eine Ehe mit dem eigenwilligen ehemaligen Westbezirk Kreuzberg wollte hingegen niemand.

Kein Wunder, dass die beiden "Sonderlinge", wie sie ein Wochenblatt vor einiger Zeit nannte, vor lauter Ärger glatt vergaßen, eine anständige Verlobungsfeier auszurichten. Das übernahmen ausgerechnet diejenigen, die sich bislang nicht gerade durch einen ausgeprägten Sinn für Romantik hervortaten - die so genannten Autonomen von hüben und drüben. Und dass die kein Fest für die ganze Familie veranstalteten, wie es sich die Bezirkschefs vielleicht gewünscht hätten, versteht sich von selbst.

Schauplatz für die nicht bestellten Feierlichkeiten war im Juni 1998 die Oberbaumbrücke. Das trutzige Bauwerk bildet die einzige Verbindung zwischen den künftigen Partnerbezirken. Hier lieferten sich Angehörige zweier "Spaß-Guerillas" eine Schlacht mit matschigen Tomaten, Puddingbomben und faulen Fischen. Zu Felde zogen zwei Gruppierungen, die sich für die Kreuzberger beziehungsweise Friedrichshainer Sache ins Zeug legten: Eine "Kreuzberger Landwehr in Gründung" sowie die "Bewegung Groß-Friedrichshain". Zwei Stunden lang dauerte die als Demonstration angemeldete "Obst- und Gemüseschlacht", die seitdem jährlich stattfindet. Während es den Friedrichshainern im vergangenen Jahr gelang, die Kontrahenten mit unappetitlicher Munition in ihr Stadtviertel zurückzudrängen, war die Kreuzberger Spaß-Bewegung dagegen auf der großen bezirkspolitischen Bühne erfolgreicher. Die Partei "Kreuzberger Patriotische Demokraten/Realistisches Zentrum", kurz: KPD/RZ, errang im Gegensatz zum "Friedrichshainer Amorphen Zentrum" (FAZ) einen Sitz in der Bezirksverordnetenversammlung. Von Parteitagsbeschlüssen ließ sich die mittlerweile zurückgetretene Verordnete Nanette Fleig bei Abstimmungen nicht leiten - sie warf eine Münze.

Überhaupt hat Münzgeld in Friedrichshain-Kreuzberg eine bezirkspolitische Bedeutung erlangt. Zuletzt löste ein Fünfmarkstück Wirbel bei den Hochzeitsvorbereitungen aus: Mit ihm verspielte Kreuzbergs Rathauschef Schulz den Rathaussitz. Weil er sich mit seinem Amtskollegen Helios Mendiburu (SPD) nicht einigen konnte, auf welcher Seite der Spree der Bürgermeister des künftigen Fusionsbezirks sein Büro haben sollte, ließen sie im Frühjahr dieses Jahres die Münze entscheiden - "dilettantisch", schalt man den Unterlegenen dafür in seiner Heimat. Der hingegen, von Haus aus Naturwissenschaftler, rechtfertigte das Glücksspiel als "statistisches Zufallsverfahren". Das mit der Bezirksgeschichte befasste Kreuzberg-Museum stuft das Geldstück bereits heute als "historisch" ein.

Eigentlich aber hätte Schulz lieber Schach gespielt, obwohl er angeblich nur weiß, "wie man die Figuren setzen muss". Seinen Kollegen Mendiburu, der das Spiel der Könige seit seinem zehnten Lebensjahr spielt, hatte er bereits im Juli 1998 auf der Oberbaumbrücke herausgefordert - und in 45 Minuten matt gesetzt. In diesem Jahr rauchten die beiden am selben Ort eine Friedenspfeife, die anschließend versteigert werden sollte; kaufen wollte das Rauchutensil jedoch niemand. So bleibt nur die Hoffnung, dass sich Friedrichshainer und Kreuzberger bei gemeinsamen Bootsfahrten näher kommen. Die Grünen möchten künftig mit einer solarbetriebenen Fähre Passagiere von hüben nach drüben übersetzen lassen. Und dann könnte die Hochzeit zumindest nachträglich noch einen Hauch Romantik bekommen: im Sonnenuntergang auf der Spree.

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