Bordell in Berlin : Artemis-Razzia: Am Ende ging's nur ums Kleingedruckte

Die Rede war von Sklavenarbeit und Menschenhandel, doch bisher blieb die Groß-Razzia im Artemis folgenlos. Jetzt prüfen die Bordellbesitzer eine Anzeige gegen die Ermittler.

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Großaufgebot: 680 Polizisten und 220 Zollbeamte durchsuchten im April das Artemis.
Großaufgebot: 680 Polizisten und 220 Zollbeamte durchsuchten im April das Artemis.Foto: Paul Zinken/dpa

680 Polizisten, sieben Staatsanwälte und 220 Zoll-Beamte im Einsatz in Berlins Großbordell, ein öffentlicher Vergleich der dort herrschenden Verhältnisse mit Sklavenarbeit durch Ermittler, Verhaftungen und dann am vergangenen Freitag: „kein dringender Tatverdacht“ gegen die beiden Artemis-Chefs, Freilassung und die Retourkutsche: eine Anzeige gegen die Ermittler wegen Verleumdung wollen die Männer prüfen.

Über die Wortwahl zur Begründung des Großeinsatzes herrschte bereits vor dem am Freitag ergangenen Beschluss des Kammergerichts Kopfschütteln in Justizkreisen: Ausgerechnet das öffentlich Sichtbarste, häufig kontrollierte Etablissement, das seine Geschäftsbilanz im Handelsregister offen legt, ein Hort für Menschenhandel und Ausbeutung?

Dafür besteht „kein dringender Tatverdacht“, sagt Gerichtssprecherin Lisa Jani. Das Kammergericht ist überzeugt: Die Prostituierten sind dort selbstständig tätig. Deshalb könne auch von der mutmaßlichen Hinterziehung von Sozialversicherungsbeiträgen durch die Artemis-Chefs keine Rede sein. „Die Ermittlungen insgesamt sind damit nicht zunichte gemacht“, sagt Jani zwar auch. Aber ergänzen darf man wohl: Stichhaltige Beweise fehlen.

Bei der Staatsanwaltschaft heißt es: Der Kammergerichts-Beschluss werde ausgewertet, „die Ermittlungen fortgeführt“. Zu beneiden sind die Ermittler nicht, denn die Beweislage dürfte schwierig sein. Die Prostituierten zahlen „Eintritt“ und handeln mit den Freiern selbst den Preis ihrer Sex-Dienstleistungen aus. Angeblich geht ein Teil davon wiederum an die Bordell-Betreiber, was diese wiederum bestreiten: ausschließlich das Eintrittsgeld fließe in deren Kassen.

Das Geld wird in Justizkreisen mal „Eintrittsgeld“ genannt, mal „Miete“ - wobei es bei der Firma heißt, bei Artemis spreche niemand von "Miete". Außerdem bezahlt die Firma brav Steuern. Wären die Prostituierten angestellt, müsste der Arbeitgeber Abgaben abführen und hätte diese hinterzogen, was er bestreitet. Sollten keine neuen Erkenntnisse zutage kommen, könnte der Fall als Wirtschaftsprozess ums Kleingedruckte enden: Schnürt das „Regelwerk“ im Artemis, bei dem es um medizinische Betreuung und Arbeitszeiten gehen soll, die Prostituierten so stark ein, dass sie nur zum Schein selbstständig sind und in Wahrheit abhängig beschäftigt? Auch hier sollen die Artemis-Chefs vorgesorgt haben und sogar mit der Steuerbehörde diese mögliche Grauzone diskutiert haben.

Arbeiten aber wirklich alle frei und freiwillig dort? „Schwer zu sagen, aus Menschenhändler-Kreise kommen die eher nicht“, sagt Hydra-Chefin Simone Wiegratz, die Hilfe-Suchende kennt, die bei Artemis gearbeitet hatten. Das Bordell werde zu oft kontrolliert. „Selten“ aber immerhin suchten auch Frauen bei Hydra Rat, die aus der Hells-Angels-Szene aussteigen wollten und bei Artemis gearbeitet hatten. Weil sie dazu gezwungen wurden? So einfach sei die Sache eben nicht, sagt Wiegratz. Am Anfang stehe oft Liebe für den Mann, der die Frau mit „vorgegauckelter“ Zuneigung und Zuwendungen erobere. Erst später verlange dieser dann „Gefälligkeiten“ wie die Unterzeichnung von Kreditverträgen und treibe die Frau dann zur Abzahlung „ihrer Schulden“ in die Prostitution. Wo noch Freiwilligkeit ist und wo die Abhängigkeit beginnt, sei schwer auszuloten. Ralf Schönball

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