Bürgerinitiativen in Berlin : Der Blockwart in uns allen

Kümmerer können zu Tyrannen werden, aufmerksame Mitbewohner sehen andere als Treppenterrier. Thomas Lackmann findet: Wer sich für seinen Kiez und die Welt engagiert, kann immer alles falsch machen.

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Ein Mann redet mit einem Polizisten Kai-Uwe Heinrich
Polizisten, die mit den Menschen im Kiez sprechen, sieht man heute nur noch selten im Stadtbild.Kai-Uwe Heinrich

In Reinickendorf und Pankow wollen sich Polizei und Ordnungsamt bei der Einbrecher- und Parksünderjagd durch Freiwillige unterstützen lassen. Dazu fällt mir „Tod“ von Woody Allen ein, ein Stück, das davon handelt, wie Mr. Kleinmann für die Bürgerwehr rekrutiert wird, aber fast mehr Angst vor den Law-and-Order-Leuten hat als vor dem Killer, den sie jagen, dem er dann aber selbst – es ist eine Komödie! – zum Opfer fällt. In Berlin kommt das alles sicher nur halb so schlimm.

Bürgerverantwortung oder Blockwart- Syndrom: Das ist wohl wieder so ein Zwiespalt, dem nur radikal subjektiv, in der ersten Person Singular, beizukommen ist. Ich bekenne also: Habe schon mal eine glitschige Bananenschale, um sie aus dem Auto zu entsorgen, ökologisch okay übern Zaun ins Bahndamm-Gebüsch gepfeffert. Wäre in dem Moment ein selbst ernannter Kiez-Retter auf mich losgegangen, hätte ich wohl versucht, ihn als Sheriff lächerlich zu machen. Was ebenfalls passieren kann, wenn ein Besserwisser-Verkehrsteilnehmer den Zeigefinger hebt, nur weil mir beim defensiven Fahren ein folgenloser Formfehler im Sinne der StVo unterlaufen ist…

Ein sensibles Thema

Andererseits: Kenne ich einen jungen Vater, der vor Jahren, als seine Söhne sehr klein waren, aus instinktgesteuertem Beschützer-Furor gegen die halbstarken Raser an der Spielplatzstraße gern den Staatsschutz mobilisiert hätte. Handyfoto, Anzeige, zack, zack! Derselbe Brut-Retter (Name ist dem Autor bekannt) hat damals möglicherweise auch überreagiert, als diffuse Kapuzen-Fuzzys in Stutti-Nähe durch seinen Hausflur zum Hof schlichen, ohne ihr Vorhaben erklären zu können. Da die Wohnung unseres eifrigen Schäferhundes in Männergestalt kurz zuvor bei Tag ausgeraubt worden war, fühlte er sich zusätzlich angespornt, präventiv ranzugehen: reagierte auf die pampige Antwort der Eindringlinge damit, die Haustür zuzusperren, die Polizei zu rufen. Der nette Beamte gab zu verstehen, dass eigentlich er illegal gehandelt habe. Die Opfer wollten Anzeige erstatten, dann stellte sich ihr Rad als geklaut heraus; die Selbstjustiz verpuffte.

Vielleicht ist die Metapher Schäferhund auch übertrieben. In Deutschland ist man bei diesem Thema sensibel, da es im „Dritten Reich“ auf der untersten Partei-Stufe Blockwarte gab, von der Bevölkerung als „Treppenterrier“ verspottet. Sie sollten jeweils in 40 bis 60 Haushalten die Stimmung sondieren, gegebenenfalls denunzieren. Es gab wiederum ehrenamtliche Luftschutzwarte, die nicht in der Partei waren, aber denunziert haben, und andere, die selbstlos das Überleben im Keller organisierten; wie einen Hamburger Pastor, der sonntags auf der Kanzel stand, in der Woche als „Halbjude“ Zwangsarbeiter und in der Nacht hilfreicher Luftschutzwart war. Es gibt offenbar überall richtiges Leben im falschen System, andererseits aber auch kein Patentrezept, wie Kümmerer es vermeiden können, Tyrannen zu werden. Wobei ein totalitärer Kontext die Kultivierung niedriger Unterdrückungsinstinkte fördert.

Und wenn es nicht ums Unterdrücken ginge, sondern ums Beglücken? Meiner Ansicht nach wäre unsere Welt schöner ohne Kot-ignorante Hundehalter, ohne Parkordnungs-Spießer, Graffiti-Idioten, Rüpel-Radler mit Opfer-Syndrom, ohne Talkshows und ohne Partys am Brandenburger Tor. Manches muss man aushalten, gegen einiges kann man angehen, die Unterscheidung ist wichtig. Wo einer Dreck zu Boden wirft, kann man den aufheben; das ist die Märtyrer-Option, das gute Beispiel. (Kommen Sie jetzt nicht mit Bananenschalen!). Wo Gefahr entsteht, müsste man bereit sein, Fehler zu machen: in der ersten Person Singular.

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