Burnout : Mehr als ausgebrannt

Burnout steht immer wieder in der Kritik – als Modeerkrankung. Doch die Beschwerden sind echt und häufig behandlungsbedürftig.

von
Nicht Manager, sondern Menschen in Teilzeit, Rentner, Studenten und auch Arbeitslose zeigen die Symptome von Burnout.
Nicht Manager, sondern Menschen in Teilzeit, Rentner, Studenten und auch Arbeitslose zeigen die Symptome von Burnout.Foto: Fotolia

Überstunden, Kinderbetreuung, Behörden, ständige Erreichbarkeit via Internet und Smartphone – das Leben kann sehr anstrengend sein. Doch während viele diese Belastungen scheinbar mühelos oder zumindest recht gut meistern, hinterlassen sie andere gestresst, kraftlos, leer. Ausgebrannt. Dafür hat sich ein Begriff eingebürgert: Burnout. Seit Jahren geistert er durch die Medien. Er steht für Menschen, die überarbeitet sind, sich übernommen haben, an Grenzen gekommen sind und nun nicht mehr können. Burnout passt sehr gut in diese Zeit, in der Leistung so viel zählt. Denn wer ausgebrannt ist, muss vorher für etwas gebrannt haben, heißt es. „Manager-Krankheit“ wird Burnout deshalb häufig genannt. Um diese vermeintlich gut situierte Kundschaft herum ist ein riesiger Markt an Ratgebern und Kursen erwachsen, der den Mythos einer Krankheit der Erfolgreichen nährt. Dabei zeigen vor allem Menschen in Teilzeit, Rentner, Studenten und auch Arbeitslose die Symptome. Nur lässt sich mit ihnen nicht so viel Geld verdienen. Dennoch: Erschöpfung, Leere, Lustlosigkeit und die damit verbundenen körperlichen Beschwerden sind für Betroffene kein Accessoire, sondern real. Und damit meist auch behandlungsbedürftig. Unabhängig davon, wie man ihr Leiden nennt.

„Allgemein versteht man unter einem Burnout einen bestimmten psycho-physiologischen Zustand“, sagt Klaus-Jürgen Lindstedt, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Wilmersdorf. Er mache sich durch emotionale Erschöpfung bemerkbar, Energiemangel, körperliche Beschwerden, Niedergeschlagenheit. Hinzu käme eine zunehmende innere Distanzierung von eigener Arbeit. Betroffene seien meist frustriert oder auch zynisch. Drittes Merkmal: Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung, die sich auch in einem tatsächlichen Abfall der Arbeitskraft zeigen könne.

Geprägt hat den Begriff der New Yorker Psychotherapeut Herbert Freudenberger. In den 70er Jahren beschrieb er damit einen Zustand, den er bei überengagierten Menschen in sozialen Berufen beobachtet hatte: Sie fühlten sich müde, überfordert, lustlos, hatten Rückenschmerzen – auch heute noch die Grundzüge des Beschwerdebildes. Dahinter steht die Idee, dass eine Arbeitssituation mit ihren Anforderungen, Enttäuschungen und zwischenmenschlichen Querelen krank machen kann. „Die Idee vom krank machenden Stress wurde von den sozialen Berufen auf die Wirtschaft übertragen“, sagt Lindstedt. „Und schließlich aufs Privatleben.“

Welche Kritik gibt es an dem Konzept? Auch wenn Burnout medial stark präsent ist: Es existiert keine eindeutige Definition des Beschwerdebildes. „Burnout ist weder eine anerkannte Diagnose noch gibt es klare Kriterien, mit deren Hilfe er festgestellt werden könnte“, sagt Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Im Grunde kann jeder darunter das verstehen, was er möchte.“ Und tatsächlich liegt es vor allem im Ermessen des Arztes, Beschwerden als Burnout zu benennen. Den einzigen „offiziellen“ Anhaltspunkt liefert die „Z-Kategorie“ des ICD-10, des Klassifikationssystems der Weltgesundheitsorganisation. Dort finden sich Zusatzdiagnosen, die keine eigene Krankheit sind, aber den Gesundheitszustand beeinflussen und möglicherweise eine Behandlung rechtfertigen. Burnout firmiert hier unter der Kategorie Z73, „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben