Camping ahoi - auf einem Schiff mitten in Berlin : Bloß keine Heringe an Deck!

Der wohl originellste Zeltplatz Berlins schwimmt auf der Spree: Junge Touristen aus aller Welt, aber auch Berliner, campen auf dem Hostelschiff „Western Comfort“ an der Oberbaumbrücke. Eine Visite.

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Mitten in der Großstadt zelten, auf einem Spreekahn, mit herrlichem Blick auf die Oberbaumbrücke. Das lockt ein buntes internationales Publikum aufs Oberdeck des Hostelschiffs "Western Comfort".
Mitten in der Großstadt zelten, auf einem Spreekahn, mit herrlichem Blick auf die Oberbaumbrücke. Das lockt ein buntes...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als Carlas und Merets Rührei in der Pfanne gerade so richtig schön schmurgelt, tuckert der Passagierdampfer „Aurora“ vorbei, rumpelt die U-Bahn über die Oberbaumbrücke, bricht die Sonne am Sonntagmorgen durch die Wolken, sodass die Spree silbern glitzert. Drüben, am Kreuzberger Ufer, kreischen die Möwen, werfen zwei Angler mit Schwung ihre Köder aus. Jetzt zieht Carla die Pfanne vom Gasbrenner, Meret setzt den Espressokocher auf und legt den Milchschäumer zurecht: Camperfrühstück am Oberdeck, zwischen Zelt und Reling. Und ganz ohne Heringe. Denn ihr Zuhause für fünf Tage auf diesem ungewöhnlichsten Zeltplatz von Berlin steht auf Schiffsplanken, der Zeltboden ist an Ösen im Holz festgeschraubt. Die Schweizer Schülerinnen machen Campingurlaub in Berlin auf dem Hostelschiff „Western Comfort“.

Schön bruzzeln mit maritimer Aussicht. Meret Wassermann (r) und Carla Maiolino aus der Schweiz.
Schön bruzzeln mit maritimer Aussicht. Meret Wassermann (r) und Carla Maiolino aus der Schweiz.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Den Platz hatten sie im Internet entdeckt. Sie suchten nach einer günstigen Unterkunft „in angesagter zentraler Lage“ – und fanden das Schiff. „Ein Volltreffer“, sagt Meret. Die Western Comfort und ihr Schwesternschiff, das schwimmende Hotel & Hostel „Eastern Comfort“, sind hintereinander am Friedrichshainer Ufer vertäut, direkt neben der Oberbaumbrücke und an der East Side Gallery. Acht sogenannte Pop-up-Zelte verschiedener Größen, die sich weitgehend selbst stabilisieren, stehen seit einigen Jahren auf dem großen Oberdeck. Für 12,50 Euro pro Person und Nacht kann man ein maritimes Doppelzelt mieten, Dusche und Toilette im Schiffsrumpf und abschließbare Kleiderkiste inklusive. Und sich ansonsten an Deck selbst verpflegen oder ein Frühstücksbüfett in der „Floating Lounge“ der Eastern Comfort buchen.

Chillen zur blauen Stunde, wenn erleuchtete Salonschiffe vorbeiziehen

Das hat sich weltweit längst herumgesprochen. Während ihrer Woche an Bord haben die Zeltnachbarn von Carla und Meret, den 17-jährigen Schweizerinnen aus Basel, öfter gewechselt. „Das war eine spannende Community“, erzählen sie. Junge Leute aus den USA, England, Italien, Frankreich, Südafrika, Chile, den Niederlanden und Deutschland lernten sie kennen. Und was war ihr tollstes Erlebnis an Bord? „Chillen im Liegestuhl zwischen den Zelten“ – vor allem zur blauen Stunde, wenn die Sonne hinterm Fernsehturm versinkt, die erleuchteten Salonschiffe vorüberziehen und die Picknicker am Ufer vor der East Side Gallery ihre Rotweinflaschen auspacken. Dann kamen sich die beiden auf ihrem manchmal sachte schwankenden Campingausguck hoch über der Spree „wie im Kino“ vor.

Schön relaxen an Bord. Nadja Chafra und Morten Madsen aus Dänemark vor ihrem Zelt.
Schön relaxen an Bord. Nadja Chafra und Morten Madsen aus Dänemark vor ihrem Zelt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das waren die Momente, in denen auch die 24-jährige Nadja Chafra aus Aarhus in Dänemark dachte: „I love Berlin!“ Gemeinsam mit ihrem Freund Morten Madsen wohnt die angehende Möbeldesignerin neben dem Schweizer Duo. Er sucht im Berlinführer gerade den Mauerpark, sie lädt die iPhones an den Steckern im Deck und breitet die Schlafsäcke zum Lüften aus. Gut geschlafen? „Klar, die Gymnastikmatten am Zeltboden sind super weich.“ Am Montag reisen die beiden weiter nach Budapest – Europatrip.

Auch Berliner Familien finden das maritime Campingabenteuer toll

Ihr Zelt ist dann gleich wieder belegt. Diesmal von zwei Berliner Freundinnen, 15 und 16 Jahre alt. „Wir wollen uns ein paar originelle Ferientage in unserer eigenen Stadt gönnen“, schrieben sie in ihrer Buchungsmail. „Das erleben wir öfter“, sagt Hotelier und Käpt’n Edgar Schmidt von Groeling, der Eigentümer beider Schiffe. Manchmal kommen zu ihm auch Berliner Familien. Dann schlafen die Kinder und Jugendlichen am Wochenende im Zelt an Bord. Und die Eltern in einer komfortablen Hotelkabine auf der Eastern Comfort. Tagsüber geht’s per Rad dann zur Stralauer Halbinsel, Rummelsburger Bucht, zum Osthafenkai oder in den Treptower Park.

Insgesamt gibt es auf beiden Schiffen 45 Gastkabinen für verschiedenste Ansprüche. Doch wie kam Schmidt von Groeling zu seinen schwimmenden Herbergen? Eigentlich ist er gar kein Seemann und kein Hotelier, sondern Architekt. Seine Karriere auf dem Wasser begann nach der Wende im Jahr 1990, als er auf ein Schiff der Hausbootkolonie am Landwehrkanal im Tiergarten zog. Irgendwann vermietete er darauf Zimmer, hatte bald viele Nachfragen und beschloss, die Sache professionell anzugehen.

Bunt beflaggt. Der Berliner Bär und das Western Comfort-Wappen.
Bunt beflaggt. Der Berliner Bär und das Western Comfort-Wappen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Lange Zeit suchte er ein Schiff, das sich entsprechend umbauen ließ. Schließlich fand er es am Kai in Wilhelmshaven, ließ es nach Friedrichshain-Kreuzberg schleppen und eröffnete 2005 am Spreeufer zuerst die Eastern Comfort. Später holte er noch einen zweiten Second-Hand-Kahn aus Polen und legte ihn hinter der Eastern Comfort vor Anker: die Western Comfort.

Und wie kam er auf die Idee, Zelte an Bord aufzuschlagen? Klick machte es bei ihm auf einer Reise in Nordafrika. „Die Hotels in den Städten waren eng und heiß“, erzählt Schmidt von Groeling. „Da schlief ich mit meinem Pop-up-Zelt auf deren Dächern und dachte: So herrlich müsste Campen auch auf dem Schiff sein.“

Mehr Infos im Internet: www.eastern-comfort.com

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