Berlin : Cécile Lowenthal-Hensel (Geb. 1923)

"Die Geschichten in der Geschichte interessieren mich"

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Als kleines Mädchen muss sie bei Familienfesten den Stammbaum ihrer Familie auswendig aufsagen: Urururgroßvater Moses Mendelssohn, Philosoph der Aufklärung. Urgroßonkel Felix Mendelssohn Bartholdy, Komponist. Urgroßmutter Fanny Hensel, geborene Mendelssohn Bartholdy, Komponistin.

In einem Interview erinnert sie sich: „Ich habe meiner Mutter einmal vorwurfsvoll gesagt, dass ich doch keine Kartoffel sei, bei der sich das Beste unter der Erde befindet.“ Und doch wird sie im Laufe ihres Lebens zur Exegetin und Bewahrerin des Familienerbes. Sich mit der Familie zu beschäftigen, bringe Wissen und mache Freude. „Die Welt besteht aus der Familie Mendelssohn und einigen guten Freunden und Bekannten“, scherzte ihr Urgroßvater, der Maler Wilhelm Hensel.

Das war lange vor 1933. Seiner Urgroßenkelin öffnet ihre Herkunft keine Türen, im Gegenteil: Als im Laden eines jüdischen Fotografen ein Bild von ihr auftaucht, kommt heraus, dass sie gemäß den Nürnberger Rassegesetzen eine Drei-Achtel-Jüdin ist. Prompt wird sie in Erlangen, wo sie aufwächst, der Schule verwiesen. Sie erhält fortan Privatunterricht. Nach dem Krieg studiert sie Geschichte, Kunstgeschichte und Anglistik und promoviert über „Die Wandlungen des Wallensteinbildes in der deutschen Fachliteratur“. „Ich wollte wissen, wie Geschichte entsteht, wie ein Mensch gewesen ist, wie über ihn gesprochen und geschrieben wurde und warum. Die Geschichten in der Geschichte interessieren mich.“

Als ihr das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz eine Stelle anbietet, geht sie nach Berlin und konzipiert Ausstellungen: „Bismarck in der Karikatur“, „Der unbekannte deutsche Staat – der norddeutsche Bund 1867 – 1871“, „Hardenberg und seine Zeit“, „Helmuth von Moltke“, „Otto Braun“, „50 Jahre Bistum Berlin“, später publiziert sie viel über ihren Urgroßvater, den preußischen Hofmaler Wilhelm Hensel. 1967 gründet sie die Mendelssohn-Gesellschaft.

Im Jahr darauf heiratet sie den Kölner Publizisten Ernst Gottfried Lowenthal, der 1939 nach England geflohen und 1946 als einer der ersten deutschen Juden wieder aus dem Exil zurückkehrt ist. Sie fragt ihn, ob sie Jüdin werden solle. „Bleib da, wo du bist“, antwortet er. Sie bleibt evangelisch-lutherisch. Sie ist 45 Jahre alt, Kinder wird sie keine mehr bekommen.

Wobei, es gibt da doch zwei Buben in ihrem späteren Leben, Hendrik Sebastian David und Constantin Alexander Magnus, und deren Vater Hendrik Kübler. „Meine drei Männer“, nennt sie sie. Hendrik, 30 Jahre jünger, nennt Cécile „Seelenverwandte, mütterliche Freundin, engste Vertraute, Muse“. Sie lernen sich kennen, als er eine Ausstellung über Fanny Hensel im Berliner Abgeordnetenhaus vorbereiten will. Wenig später beklagt sich Cécile: „Warum hast du mich nie gefragt, ob ich Patentante deiner Tochter werden möchte?“ Als später zwei Jungs zur Welt kommen, fragt Hendrik: „Willste noch?“ Sie will. Ein paar Jahre später gehen Hendrik und Cécile gemeinsam auf eine Veranstaltung, und jemand fragt ihn: „Entschuldigen Sie, in welchem Verhältnis stehen Sie eigentlich zu Frau Doktor Lowenthal-Hensel?“ Sie antwortet für ihren Freund: „Er ist der Vater meiner Zwillinge.“ Andreas Unger

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