Berlin : Container mit Gleisanschluss

Vor einem Jahr wurde auch Gesundbrunnen zum Fernbahnhof. Bis heute ist er eine Kuriosität ohne zentrales Gebäude

Sven Goldmann

Immer wenn der Regen kommt, gibt es im Nordberliner Beton ein künstliches Naturdenkmal zu bestaunen: die Weddinger Seenplatte. Schmale Seen, breite Seen, die meisten keine zehn Zentimeter tief. Passanten tapsen drum herum und manch einer auch hinein. Es gibt viele Menschen hier, und sie queren die Seenplatte zielstrebig in ein scheinbares Nichts. Der zufällig Vorbeikommende muss schon ein Weilchen suchen, um den kleinen roten Container zu finden, in dem Brötchen, Bier und Chips verkauft werden. Und Fahrkarten. Der Container ist Stützpunkt und Repräsentanz der Deutschen Bahn (DB) an einem ICE-Bahnhof, von dem kaum einer weiß, dass er ein ICE-Bahnhof ist. Aus dem Lautsprecher grüßt eine Computerstimme: „Willkommen in Berlin-Gesundbrunnen.“

Vor knapp einem Monat hat der neue Bahnhof an der Schnittstelle von Wedding, Pankow und Prenzlauer Berg seinen ersten Geburtstag gefeiert. Vier Minuten sind es bis zum Hauptbahnhof, elf bis zum Südkreuz, und doch liegen diese beiden Stationen unendlich weit weg. Das neue Glitzerding im Regierungsviertel ist einer der aufregendsten Bahnhöfe der Welt, das Südkreuz in Schöneberg hat ein hübsches Empfangsgebäude mit Reisezentrum und angeschlossenem Parkhaus bekommen. In Gesundbrunnen gibt es nur Gleise. Und darüber eine 12 500 Quadratmeter große Betonplatte, in deren Asphaltdecke sich so viele Dellen und Risse gebildet haben, dass sie sich bei Regen in die Weddinger Seenplatte verwandelt.

Eigentlich sollte hier ein repräsentatives Empfangsgebäude stehen. Der Architekt Axel Oestreich hat es geplant, ein zweistöckiges Bauwerk mit viel Glas und Stahl und Klinker, eine Hommage an Alfred Grenander, der die beiden Eingangshäuschen des benachbarten U-Bahnhofs gebaut hat. Zu Grenanders Zeit, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, waren Bahnhöfe Prestigebauten, Kathedralen des Fortschritts. Heute sind es Einkaufszentren mit Gleisanschluss. Die schöne neue Shoppingwelt am Hauptbahnhof protegiert die Deutsche Bahn damit, dass sie am Bahnhof Zoo keinen ICE mehr halten lässt. Südkreuz ist wegen seiner Nähe zur Stadtautobahn mit einem riesigen Parkhaus als Bahnhof für Autofahrer konzipiert, aber es hat immerhin noch für einen Supermarkt gereicht. Am Gesundbrunnen waren andere schneller als die Bahn. Neun Jahre schneller.

Direkt neben den Bahngleisen steht seit 1997 das Gesundbrunnen-Center, eine Shopping Mall mit dem Antlitz eines überdimensionierten Raumschiffes. Keine großartige Architektur, aber die gut 100 Geschäfte in der silbernen Hülle waren für die Bahn Argument genug, den preisgekrönten Entwurf des Architekten Oestreich abzuspecken. Erst strich sie eines von zwei Stockwerken und ein Jahr vor der geplanten Eröffnung das gesamte Gebäude. Die Kaufkraft im Stadtteil Gesundbrunnen mit seiner hohen Arbeitslosen- und Migrantenquote reicht gerade für das silberne Raumschiff. Wer braucht da zum Einkaufen noch einen Bahnhof?

Gesundbrunnen ist ein Kuriosum. Ein ICE-Bahnhof ohne Bahngebäude, eine Ansammlung von Gleisen und Bahnsteigen in der Tiefe. Bahnsprecher Burkhard Ahlert gibt zu, dass „Gesundbrunnen nicht dem landläufigen Erscheinungsbild eines Bahnhofes entspricht“. Es gibt kein großes Schild mit dem DB-Logo, kein Reisezentrum, keine Auskunft. Nur die computeranimierte Stimme aus dem Lautsprecher. Und den kleinen roten Container, die Bahn nennt ihn Pavillon oder DB-Servicestore, das klingt schöner, weltläufiger und nicht so provisorisch.

Ein Besuch im DB-Servicestore an einem Montag. Ein Viertel der 190 Quadratmeter Verkaufsfläche ist für die beiden Ticketschalter reserviert. Weiter hinten warten drei Bahnmitarbeiterinnen auf Käufer für Brötchen, Bier und Chips. Es kommen keine Käufer. An den Ticketschaltern staut es sich. Nach einer Viertelstunde ist die Fahrkarte gekauft. Am Automaten wäre es schneller gegangen, aber den muss man erst mal finden. An der Treppe hinab zu den Gleisen 7 und 8, kurz vor dem Gitterzaun, an dem die Fahrpläne hängen. Bahnsprecher Ahlert sagt, das müsse nicht alles so bleiben. „Wir wollen nach wie vor ein Empfangsgebäude bauen und verhandeln mit drei Investoren.“ Ende des Jahres werde man mehr wissen. „Vielleicht werden wir sogar selbst bauen. Aber das wird dann natürlich kein Palast.“

Zu Beginn der neunziger Jahre hatte die Bahn hier noch Großes vor. Ihr damaliger Chef Heinz Dürr träumte von einer Renaissance der Bahnhöfe, und Gesundbrunnen sollte Berlins Tor zum Norden werden. An der Kreuzung von Ring- und Nord-Südbahn mit Anschluss zur U-Bahn lag der geplante Großbahnhof strategisch so günstig wie kaum ein anderer in Berlin. Gesundbrunnen war schon immer ein Umsteigebahnhof zwischen Fern- und Nahverkehr, Entlastung für den Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße, über den die Reichsbahn einst den Verkehr Richtung Nordosten abwickelte. Zu DDR-Zeiten wurde der Stettiner Bahnhof zunächst aus politischen Gründen in Nordbahnhof umbenannt und 1952 schließlich abgerissen, weil die von ihm ausgehende Trasse ein Stück weit durch West-Berliner Gebiet führte – über den Bahnhof Gesundbrunnen, der nach dem Fall der Mauer so etwas wie ein neuer Stettiner Bahnhof werden sollte.

114 Millionen Euro hat die Bahn in Gesundbrunnen investiert. Das alte Empfangsgebäude wurde abgerissen, der gesamte Gleiskörper saniert. Die Bahn hätte den alten, neuen Fernbahnhof gern Nordkreuz genannt, aber dagegen begehrten die Bezirkspolitiker auf. Ohnmächtig hatten sie die Schleifung des Bahnhofsgebäudes hinnehmen müssen, aber den Namen mochten sie sich nicht nehmen lassen. Ein halbes Jahr vor der Eröffnung gab Bahnchef Heinz Mehdorn nach. Es blieb bei Gesundbrunnen.

Dabei hat der neue mit dem alten Bahnhof kaum noch etwas gemein. Im Positiven wie im Negativen. Angesichts der Trostlosigkeit auf der Betonplatte überrascht die Eleganz auf den fünf Bahnsteigen: viel Klinker, Marmorblenden, breite Treppen. Kühl und sachlich, wahrscheinlich würde Grenander heute so bauen. Der verborgene Bahnhof lebt. 76 Regionalzüge halten hier täglich, dazu 975 S-Bahnen, werktäglich steigen in Gesundbrunnen 110 000 Fahrgäste um.

Und doch ist das Tor zum Norden nur ein Törchen geworden. Ein größerer Regionalbahnhof. Gesundbrunnen bedient nur 35 Fernverbindungen, darunter ganze sechs mit dem superschnellen ICE. Der Fernbahnsteig zieht sich endlose 430 Meter lang von der Swinemünder Brücke bis fast an die Hochstraße, aber so weit hinaus verirrt sich kaum jemand. Es gibt keinen Wagenstandszeiger, und die vielen Lautsprecheransagen wirken angesichts der nicht vorhandenen Fahrgäste ein wenig surreal.

Oben ist mehr los. Wochenmarkt, jede Menge Obst- und Ramschstände. Junge Männer sitzen auf Steinbänken und trinken Bier, und weil viele von ihnen ihre Mobiltelefone zu Ghettoblastern umfunktioniert haben, herrscht musikalisches Babylon. Blumenkästen aus Beton und Poller aus Stahl dekorieren die Platte. An der Badstraße befindet sich eine großzügig angelegte Warteschleife für Taxis, drei Autos warten. In Gesundbrunnen zählt das Taxi nicht zu den bevorzugten Verkehrsmitteln.

Früher querte die Badstraßenbrücke das Bahngelände. Nach dem Umbau ist die Brücke keine Brücke mehr, sondern der Hanne-Sobek-Platz. Man fragt sich: Was hat der frühere Fußballstar von Hertha BSC bloß verbrochen, dass man eine geteerte Betonplatte nach ihm benennt?

Bis in die sechziger Jahre hinein hat Hertha BSC am Gesundbrunnen gespielt, an der „Plumpe“, wie der Berliner sagt. Das Stadion ist längst abgerissen, heute stehen hier Wohnhäuser, nebenan das Gesundbrunnen Center. Vor ein paar Monaten ist Volkmar Groß hier vorbeigefahren. Herthas früherer Nationaltorwart war lange in Amerika und wollte ein wenig in Erinnerungen schwelgen, aber er fand nichts mehr, woran er sich erinnern konnte. Volkmar Groß fuhr mit dem Auto über die Brunnenstraße fragte sich: Mein Gott, was haben die bloß mit der Plumpe gemacht? Und: Wo ist eigentlich der Bahnhof?

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