• Dachboden-Mord: Das Verbrechen bleibt vermutlich ungesühnt: Der Staatsanwalt plädiert wegen brüchiger Beweiskette auf Freispruch

Berlin : Dachboden-Mord: Das Verbrechen bleibt vermutlich ungesühnt: Der Staatsanwalt plädiert wegen brüchiger Beweiskette auf Freispruch

Peter Murakami

Christian J. schossen Freudentränen in die Augen, als der Staatsanwalt am Donnerstag Freispruch beantragte. In dem spektakulären Indizienprozess musste sich der 39 Jahre alte Lagerarbeiter seit Mitte Mai vor dem Berliner Landgericht wegen des Mordes an der 9-jährigen Marina Ermer verantworten. Die Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen an, dass Christian J. das im Juli 1993 auf dem Nachhausweg von einem Kinderspielplatz in Adlershof verschwundenen Mädchen auf dem Dachboden seine Wohnhauses sexuell missbraucht und ermordet hat.

Staatsanwalt von Hagen ließ keinen Zweifel daran, dass er den vor drei Wochen aus der Untersuchungshaft entlassenen Mann nach wie vor verdächtigt, das Verbrechen begangen zu haben. "Ich halte Sie für den Täter, Herr J.", rief er dem Angeklagten zu. Dass er dennoch für einen Freispruch plädiere, liege an der lückenhaften Indizienkette. In seinem Plädoyer wies er darauf hin, dass nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden könne, ob das Mädchen auf dem Dachboden ermordet, oder nur dort abgelegt worden sei. Für ihn sei die These des Wiener "Profilers" Thomas Müller schlüssig, dass der Dachboden in der Dörpfeldstraße 13, wo die Kinderleiche gefunden worden war, auch der Tatort gewesen ist. Daran habe auch die Anhörung einer Gerichtsmedizinerin unmittelbar vor dem Plädoyer nichts geändert. Diese hatte im Gegensatz zu dem renommierten Wiener Kriminalpsychologen unterstellt, dass der Mörder das Mädchen lediglich auf dem Dachboden abgelegt habe. Der Staatsanwalt fand es sehr unwahrscheinlich, dass ein Mörder eine unbekleidete Kinderleiche in einem Plastiksack in ein fremdes Haus trage.

Ein weiteres Indiz waren die auf dem Dachboden gefundenen Spermaspuren von Christian J.. Seine Begründung, er habe auf dem Boden mehrfach onaniert, könne man nicht widerlegen, sagte der Staatsanwalt. Es sei aber merkwürdig, dass der Angeklagte den Verwesungsgeruch auf dem Boden nicht wahrgenommen haben will. In diesem Zusammenhang habe er sich auch in Widersprüche verwickelt.

Die große Lücke in der Indizienkette sah von Hagen allerdings im Hinblick auf die Möglichkeit, dass das Laken, in das die Leiche eingewickelt worden war, und das man bis zu seiner damaligen Lebensgefährtin zurückverfolgen konnte, in der Wäscherei vertauscht worden sein könnte. Der Prozess wird am kommenden Donnerstag mit dem Plädoyer der Verteidigung fortgesetzt.

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