Berlin : Das große Flattern: Raubvögel erobern Berlin

Einige Arten waren ganz weg, andere rar. Jetzt sind sie wieder da – in 400 Revieren

Ariane Bemmer

Es gibt viel Platz, reichlich zu essen und kaum störende Nachbarn. Das sind für Greifvögel drei gute Gründe, nach Berlin zu kommen. Immer mehr Paare haben sich in letzter Zeit von den Vorzügen der Großstadt überzeugt und so können Vogelschützer heute mehr als 400 Reviere von Turm- und Wanderfalken, Mäusebussarden und Habichten in Berlin zählen. Deutlich mehr als vor zehn Jahren. Aus der Vogelperspektive ist der Lebensraum in der Stadt heute unberührter als auf dem Land, wo die Ruhe durch Förster oder Landwirte oft gestört wird.

Einige Greifvogel-Bestände haben sich seit der Wende verdreifacht, andere Arten waren ganz verschwunden und sind nun wieder da. Es gibt inzwischen rund 15 Sperberreviere auf Berliner Stadtgebiet. Und sogar auch zwei Seeadler-Paare. Deren Rückkehr freut die Naturschützer besonders.

Der gewaltige Raubvogel (Spannweite bis 250 Zentimeter) ist selten geworden in Deutschland. Jetzt gibt es ihn wieder. In Brandenburg und Berlin. Im Wald rund um den Müggelsee in Köpenick hat er seit 1999 bereits drei Mal gebrütet. Drei Küken sind 2002 zur Welt gekommen, sagt Rainer Altenkamp vom Naturschutzbund (Nabu). Das zweite Seeadlerpaar residiert seit 2001 am Tegeler See. Von Spaziergängern werden die Raubvögel fast nie wahrgenommen. Sie sind faul, sitzen stundenlang regungslos im Geäst. Wenn sie dann doch mal losfliegen, dann so dicht über den Wipfeln, dass sie von unten nicht zu sehen sind. Diese Unauffälligkeit ermöglicht ihnen ein Stadtleben, ohne dass der Mensch ihnen zu nahe kommt.

Gut zu beobachten ist dagegen der Wanderfalke – zumindest sein Nest im Turm des Roten Rathauses. Von der Karl-Liebknecht- Straße aus gesehen ist es links oben. Von März bis Mai brüten die Tiere. Fünf weitere Wanderfalken-Paare wohnen laut Altenkamp in den Kraftwerken der Stadt. Oben in den Türmen. Wanderfalken spähen ihre Beute aus, um sie dann in spektakulären, teils mehrere hundert Meter langen Sturzflügen, bei denen sie Tempo 280 bis 340 erreichen, zu erjagen. Wanderfalken schätzen an der Stadt besonders, dass es hier sommers wie winters reichlich Tauben zu erbeuten gibt.

Von dem viel häufiger auftretenden Turmfalken haben Tauben nichts zu fürchten. Ihr Glück, denn der Mäuse- und Insektenfresser kommt in Berlin reichlich vor: Laut Nabu gibt es 200 bis 250 Reviere – 30 Prozent mehr als 1990. Zu erkennen sind Turmfalken daran, dass sie quasi in der Luft stehen können. Auch Mäusebussarde wandern ins Stadtinnere. Rund 70 bis 80 Reviere gibt es in Berlin: im Charlottenburger Schlossgarten, in der Jungfern- und der Hasenheide und im Tiergarten. Da sie lange nicht gezählt wurden, gibt es keine Vergleichszahlen.

Der selten gewordene Habicht hat seit Mitte der 80er Jahre seinen Bestand in Berlin mindestens verdoppelt: 16 Paare gab es im Osten 1986, im Westen waren es 1984 zwölf Paare. Heute leben im Osten 33 Paare, im Westen zwischen 30 und 35. In den 80er Jahren verschwunden waren die Sperber, die seit 1992 wieder in Berlin brüten. Für Altenkamp ist dieser Erfolg eine direkte Folge des DDT-Verbots. Das hochgiftige Pflanzenschutzmittel hatte sich über die Nahrungskette angereichert und am Ende dazu geführt, dass die Eier der Sperber instabil wurden: Sie zerbrachen beim Brüten.

Doch nicht in allen Fällen setzten sich Tiere in der Stadt durch. Enten, die ihre Nester am Boden bauen, suchen sich aus Angst vor Hunden immer häufiger einen Platz auf Balkonen und Veranden. Wobei sie nicht bedenken, dass ihr Nachwuchs nicht fliegen kann, wenn er das Nest verlässt. Also endet für manches Küken das Entenleben nach einem Sprung aus dem sechsten Stock. Oder es wird überfahren auf dem langen Weg zum nächsten See.

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