Berlin : Das letzte Rätsel

Das Sterben ist öffentlich geworden in den vergangenen Tagen. Aber was geschieht da mit Körper und Bewusstsein? Wann beginnt der Tod? Und ist wirklich Schluss, wenn das Herz nicht mehr schlägt?

Christiane Bertelsmann

Terri Schiavo ist verhungert, Harald Juhnke dahingesiecht, es heißt, der Papst sei friedlich hinweggedämmert, und Fürst Rainier von Monaco wird nur noch von Maschinen am Leben erhalten. Das Sterben ist öffentlich geworden in den vergangenen Tagen. Aber was geschieht da wirklich? Wann wird aus einem Sterbenskranken ein Sterbender? Und ist wirklich Schluss, wenn das Herz nicht mehr schlägt?

Der natürliche Tod ist kein plötzliches Ereignis. Aus medizinischer Sicht beginnt das Sterben dann, wenn ein oder mehrere Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden können. Denn zur Energiegewinnung in den Zellen braucht der Körper zusätzlich zu der aus der Nahrung gewonnenen Glucose auch Sauerstoff. Verringert sich der Vorrat in den Zellen, kann das Organ nicht mehr funktionieren und stirbt ab – wenn es nicht daran gehindert wird, durch Bluttransfusionen, künstliche Beatmung oder Herz-Kreislauf-Maschine. „Heute stirbt kaum mehr ein Mensch einen natürlichen Tod“, sagt der Berliner Palliativ-Mediziner Christof Müller-Busch. Er hat sich auf die Betreuung Todkranker und Sterbender spezialisiert. Allerdings sei das Sterben nicht nur ein biologischer Vorgang. Müller-Busch sagt: „Ich sehe den Menschen als eine Einheit von Körper, Seele und Geist. Wenn ein Leben zu Ende geht, muss sich das alles voneinander lösen.“

Als häufigste Todesursache gelten hierzulande Herz-Kreislauf-Erkrankungen, oft eine Folge der Arteriosklerose. An dieser Form der Arterienverkalkung erkranken in westlichen Industrienationen mehr als 50 Prozent der Menschen. Verhindern lässt sich die Arteriosklerose auch durch gesündesten Lebenswandel kaum. Wenn die Adern und Gefäße im Lauf der Jahre spröder werden, büßen sie ihre Elastizität ein. Fett und Kalk lagern sich ab, und das Blut fließt nur mehr mühsam durch die enger gewordenen Kanäle. Das bedeutet Mehrarbeit für das Herz: Es muss kräftiger pumpen.

Lange kann der Muskel die Belastung selten ertragen. Es kommt zu Infarkten durch eine zu geringe Durchblutung in den Kranzgefäßen, die wiederum schwächen das Herz weiter – was irgendwann zum Herzstillstand führt. Mediziner sprechen in diesem Fall vom klinischen Tod oder Herztod.

Wenn das Herz nicht mehr in Gang zu bringen ist, gibt es keine Hoffnung mehr. Denn das Herz versorgt auch das Gehirn mit Sauerstoff, und das benötigt 20 Prozent aller Energie im Körper. Die bekommt das Gehirn grundsätzlich durch die Aufspaltung von Glucose. Sauerstoff unterstützt den Energiegewinnungsprozess. Ohne Nachschub sterben Hirnzellen jedoch innerhalb von wenigen Minuten. Mit zunehmendem Ausfall des Stammhirns verlangsamt sich dann auch die Atmung, geht über in ein keuchendes Atmen, das so genannte Todesrasseln, und setzt schließlich ganz aus. Die Muskulatur erschlafft, der Unterkiefer sinkt herab, die Pupillen können sich nicht mehr eng stellen. „Ein hirntoter Patient gilt auch vor Gericht als tot“, sagt die Berliner Neurologin Eva Schielke. Lungen-, Herz- und Kreislauffunktionen können durch künstliche Beatmung und Kreislaufunterstützung allerdings aufrechterhalten werden – zum Beispiel, um noch funktionsfähige Organe für eine Organspende entnehmen zu können.

Der Mensch ist dann tot, sein Bewusstsein erloschen, aber sein Körper ist noch da – und sein Tod kann lange dauern. Wenn der letzte Atemzug getan ist, beginnt das große Sterben der Zellen. Pathologen sagen: Das Herz kann bei einem Hirntod noch 15 bis 30 Minuten überleben, die Leber 30 bis 35 Minuten, die Lunge eine knappe Stunde und die Niere bis zu zwei. Magen und Darm arbeiten bis zu 24 Stunden weiter, erst dann beginnt der Körper, sich selbst zu verdauen. Autolyse, Selbstauflösung, heißt dieser Vorgang. Dabei dringen Darm-Bakterien und Bakterien aus der Mundhöhle ins Körperinnere ein und greifen die noch lebenden Zellen an. Verzögert wird dieser Prozess, wenn ein Patient vor seinem Tod Antibiotika genommen hat. Nach zwei Stunden verhärten sich die Muskeln – die Totenstarre setzt ein, die sich nach zwei Tagen wieder löst; die Gründe für dieses biologische Phänomen sind allerdings immer noch unbekannt. Auch die Haut verändert sich. Der Schwerkraft folgend sinkt das Blut im Körper ab. Dadurch bilden sich die bläulichen Leichenflecken.

Aber ist das alles? Ein Körper, der sich selbst auflöst, Funktionen, die erlöschen, Zellen, die sterben? Was geht im Bewusstsein des Menschen vor, wenn er stirbt?

„Bei vielen Sterbenskranken haben wir kurz vor dem Sterben Wesensveränderungen beobachtet, die vielleicht darauf hinweisen, dass sie kurz vor ihrem Tod doch so etwas wie eine Bilanz ziehen und das Sterben auch eine eigene Erlebensdimension hat“, sagt der Berliner Palliativ-Mediziner Christof Müller-Busch. „Dann rufen alte Menschen oft nach ihrer Mutter, längst vergessene Erinnerungen tauchen auf.“ Nahtoderlebnisse werden immer wieder geschildert, in allen Kulturen, zu allen Zeiten. Die älteste überlieferte stammt aus dem Gilgamesch-Epos um 5000 vor Christus. Von drei Elementen wird immer wieder berichtet: Die Patienten sehen einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ein helles Licht leuchtet. Manche lösen sich von ihrem Körper und beobachten das Geschehen um das Sterbe- oder Krankenbett von außen, bei anderen läuft das eigene Leben wie in einem Film vor dem inneren Auge ab. Viele der Fast-Gestorbenen sprechen von starken Glücksgefühlen, von Leichtigkeit und Frieden. Wissenschaftler haben für diese Phänomene durchaus Erklärungen. Sie sagen: Durch den Sauerstoffmangel fallen im Sehzentrum des Gehirns Nervenzellen aus. Dadurch kommt es zu einer veränderten Wahrnehmung. Das Glücksgefühl ist durch die Ausschüttung körpereigener Opiate zu erklären, die nicht nur bei extrem großen Schmerzen ausgeschüttet werden, sondern auch bei anderen bedrohlichen Situationen, um den Körper zu schützen.

„Natürlich haben Wissenschaftler für vieles eine Erklärung“, sagt der Mediziner Müller-Busch, „aber das Sterben ist doch für jeden Menschen eine einmalige und einzigartige Erfahrung, ein unausweichliches letztes Experiment. Wenn es einem Menschen hilft, weniger Angst vor dem Sterben zu haben, warum soll ihm der Glauben an das Licht am Ende des Tunnels nicht Trost sein?“

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