Berlin : Das stille Lächeln zwischen den Zeilen: Adieu, Heinz Knobloch

Im Roten Rathaus trafen sich Leser, Freunde und Kollegen zur Trauerfeier für „Berlins letzten großen literarischen Flaneur“

Lothar Heinke

Heinz Knobloch lächelt ein wenig auf dem Bild mit dem Trauerflor, das direkt unter der von gelben Rosen bedeckten Urne steht. Der Festsaal des Roten Rathauses ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Leser und Leserinnen sind gekommen, manch einer mit einem letzten blühenden Gruß an den Flaneur, dazu Schriftsteller, einstige „Wochenpost“-Kollegen, Künstler, die Angehörigen natürlich, Frau, zwei Kinder, Enkel.

„Ein Mensch ist auch die Summe seiner Freunde“ hat der Feuilletonist in Kursivbuchstaben über das Programm der Trauerfeier gesetzt – er kann sich nicht beklagen: Ein Saal voller Freunde. 1990, also vor 13 Jahren, hatte er vorsorglich den Programmablauf zu seiner eigenen Beerdigung zusammengestellt: Streichquartette von Haydn, Benny Goodman spielt mit jubilierender Klarinette Mozart, „Satchmo“ preist „What a wonderful world“, Knoblauch selbst spricht einen Text über „Alte Fotografen“ und lässt in „Schließlich: Unser Grab“ erzählen, weshalb „wir beide, Helga Knobloch und ich“, ins Familiengrab auf dem Johannis-Friedhof in Dresden-Tolkewitz wollen. („Ich gehe gern versonnen auf Friedhöfe. Dort muss man nicht auf Autos achten. Auf dem Friedhof lebt man länger“). In Dresden ist es nicht so teuer, „ruhige Lage in Elbnähe. Vögel hüpfen ungestört und zwitschern. Und wer ganz langsam kommt, dem setzen sie sich zutraulich auf die ausgestreckten Arme. Wie sich das gehört für Naturwesen, die einander vertrauen“.

Zuvor hatten der Chef der Senatskanzlei André Schmitz, Knoblochs letzter Verleger Norbert Jaron und Rabbiner Andreas Nachama das Werk der 50 Bücher und 1600 Feuilletons – die meisten davon in der einstigen „Wochenpost“ gewürdigt. Mit „Berlin sagt Adieu und Danke an seinen letzten großen literarischen Flaneur“ spricht Schmitz allen, die in dieser Stunde empfinden, was sie schmerzlich vermissen werden, aus der Seele. „Er war ein Wahrheitssuchender, unabhängig von jedwedem politischen System, in dem er lebte. Er arbeitete subtil mit Andeutungen zwischen den Zeilen wie kaum ein zweiter. In seinem charmant-verschmitzten Stil verschmolz die Berliner Schnauze auf unnachahmliche Weise mit der Herzlichkeit seines sächsischen Mutterwitzes“, lobte Berlins offizieller Redner und erinnerte an die letzte Lesung des Unermüdlichen Anfang Juni in eben jenem Saal, in dem jetzt Würde und Bescheidenheit des Dichters gelobt werden. Wenn man ihn, dessen Bücher und Feuilletons erst nach der Wende auch im Westen bekannt wurden, fragte, ob er sich in der DDR als Widerständler gefühlt habe, sagte er: „Ich hatte einen Erker, aus dem ich mich herauslehnen konnte“ oder „Mein Leben fand zwischen den Zeilen statt“. Verleger Jaron erinnerte an die wichtigsten, in der DDR im Morgen-Buchverlag erschienenen Werke wie die Moses-Mendelssohn-Biografie oder „Stadtmitte umsteigen“ und teilte mit, dass in Kürze „Der beherzte Reviervorsteher“, der „Herr Moses in Berlin“ und auch „Meine liebste Mathilde“ wieder erscheinen werden.

Andreas Nachama schließlich erzählte, wie er Knobloch 1982 im Friedenstempel an der Rykestraße in Prenzlauer Berg kennen gelernt hatte: „Herr Moses in Berlin! entfuhr es mir spontan“. Knobloch war nicht jüdischer Herkunft, obwohl dies manche dachten. „Er nahm das mit Humor, ja, es hat ihm bei seiner Identifikation mit dem Charakter Mendelssohns fast Spaß gemacht“. Dies gelte auch für die Zeilen, die Knobloch seinem Buch über Herrn Moses als Bestimmung des Menschen vorangestellt hat: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun.“

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