Berlin : Das Stör-Manöver

Unternehmer Roland Schröder ist bei Neuruppin in die Kaviar-Produktion eingestiegen Derzeit wirbt er mit den wertvollen Fischeiern bei Partys auf Mallorca. Dabei geht’s nicht nur ums Geld.

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Bedrohtes Firmenkapital.
Bedrohtes Firmenkapital.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Einen Laptop auf dem Schoß, sitzt Roland Schröder in einem etwas lieblos eingerichteten Wohncontainer in Zippelsförde bei Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) und zeigt Fotos von Jetset-Partys auf Mallorca: gebräunte Gesichter, kumpelhaft über die Schultern gelegte Arme, strahlend weiße Zähne – und immer wieder Roland Schröder. Zwei- bis dreimal im Jahr fliegt der 56-Jährige derzeit zu den Reichen und Schönen auf die Sonneninsel. Mitgefeiert wird allerdings nur aus beruflichen Gründen. Schließlich ist Schröder auf Geschäftsreise. Dort wo das Geld sitzt, sollen sie schon einmal auf den richtigen Geschmack kommen. Bis zu zehn Tonnen Kaviar jährlich will der Geschäftsmann aus Westfalen in wenigen Jahren produzieren. Die Grundlage dafür schwimmt quasi vor seiner Nase herum. Nur wenige Meter von dem braun gestrichenen Behelfsquartier entfernt tummeln sich zwischen 30 000 und 40 000 Störe in viereckigen Betonbecken. Seit rund einem Jahr ist Schröder nicht nur oberster Chef und Aktionärssprecher der International Caviar Corporation (ICC), sondern auch Inhaber der Zippelsförder Fischzucht GmbH.

Rund 1,5 Millionen Euro hat der Geschäftsmann für die alte DDR-Anlage hingelegt. Ein Schnäppchen, ist sich der brandenburgische Kaviar-Botschafter sicher. „Vergleichbare Anlagen in Russland werden für etwa sieben Millionen Euro angeboten.“ Für die Störzucht sei die Farm zudem beinahe ideal. Mit bis zu 750 Litern pro Sekunde fließe der Rhin an Zippelsförde vorbei, versorge die Zuchtanlage somit stets mit frischem, sauberem Wasser, das zudem über längere Zeit im Jahr nicht kälter oder wärmer als 15 bis 22 Grad Celsius werde. Außerdem, so der Geschäftsmann, sei die notwendige Infrastruktur wie Strom, Telefon, Abwasserentsorgung und Heizung bereits vorhanden, umfangreiche Investitionen somit unnötig. „Lediglich das Futter für die Störe ist ein zusätzlicher Kostenfaktor, der sich aber durch den Verkauf der Störmännchen als Speisefisch decken lässt“, sagt Schröder, der nach eigenen Angaben während seiner Zeit als Chef des Mineralölkonzerns Aral in Rumänien dem begehrten Rogen der Stör-Weibchen verfiel. „Dort gehört zu einem guten Geschäftsessen grundsätzlich Kaviar dazu. Sehr gute Qualität zu sehr gutem Preis. Über die Jahre ist daraus eine schleichende Abhängigkeit entstanden.“

Doch Schröder ist nicht nur Kaviar-Liebhaber und Geschäftsmann, sondern auch Artenschützer. Wegen des weltweiten Appetits auf Kaviar, seiner Qualitäten als Speisefisch und der rapiden Veränderungen der Gewässerstrukturen gelten Störe als vom Aussterben bedroht. 1998 wurde der Stör auf Initiative Deutschlands und der USA in das Washingtoner Artenschutzabkommen aufgenommen. In den vergangenen 15 Jahren soll die Störpopulation um mehr als 90 Prozent zurückgegangen sein. Kaviar- Fan Schröder wurde am 27. Dezember 1998 von einer entsprechenden Schlagzeile in der Boulevardpresse aufgeschreckt: „Kaviar-Verbot in Deutschland“ lautete eine Schlagzeile. „Ich hatte gerade wieder ein Kilogramm aus Rumänien eingeführt. Da habe ich mich gefragt, warum züchtet eigentlich keiner Störe?“, erinnert sich der Diplom-Kaufmann.

Über einen befreundeten Forellenzüchter entstand der Kontakt zu Gebhard Reichle, dem „deutschen Stör-Papst“, wie Schröder sagt. Dieser suchte zu dieser Zeit Kontakt zur rumänischen Regierung, um befruchtete Störeier für ein Zuchtprogramm zur Rettung der Donau-Störe zu bekommen. Schröder vermittelte, lud die halbe Regierung Rumäniens auf Reichles Zuchtanlage in Bayern ein und engagierte sich fortan für den Erhalt der Störpopulation in der rumänischen Donau. 1999 wurde die Gesellschaft „Euro Sturio – Gesellschaft zur Rettung der Donau-Störe“, der Vorgänger der ICC, gegründet.

Helfen will Schröder den Stören auf zwei Wegen. Zum einen soll die Kaviar-Zucht eine echte Alternative zum Wildfang werden und somit den Druck auf die frei lebenden Tiere mildern. Zum anderen setzen Schröder und sein Team immer wieder Jungstöre in der Donau aus. 2004 gab es die erste Aktion. In den vergangenen zehn Jahren seien es insgesamt fünf erfolgreiche Projekte gewesen, berichtet der Westfale. „Von den rund 100 000 befruchteten Eiern aus dem Jahr 2004 leben heute noch mindestens 10 000 Tiere. Damit haben wir den Donau-Stör gerettet“, behauptet er selbstbewusst. Die Störe dagegen, die ihr Dasein in den Zippelsförder Betonbecken und am zweiten Firmenstandort in Bayern fristen, sollen möglichst bald Geld einbringen. Rund 5000 Euro muss man derzeit in Deutschland für ein Kilogramm des besonders begehrten Beluga-Kaviars hinblättern. Für den „Goldenen Zaren Kaviar“, die sogenannten Albino-Sterlets, die ebenfalls auf der alten Fischfarm neben schnöden Forellen und Karpfen einquartiert wurden, würden Liebhaber in Russland sogar bis zu 40 000 Euro das Kilogramm zahlen, versichert das nach eigenen Angaben weltweit bislang einzige börsennotierte Störzuchtunternehmen auf seiner Internetseite.

Sollte Schröder scheitern, ist ihm vor allem in der Region der Spott sicher. Auch bei Demmin, nur 160 Kilometer nördlich in Mecklenburg-Vorpommern gelegen, wollte man vor einigen Jahren das dicke Geschäft mit den gesalzenen Fischeiern machen. Doch statt riesige Gewinne einzufahren, wurde der dortige Unternehmer wegen besonders schweren Betrugs vor anderthalb Jahren zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Obwohl ihm seit längerem klar gewesen sei, dass seine Firma nicht überlebensfähig war, habe er Anleger mit permanent falschen Angaben unerreichbare Unternehmensziele vorgegaukelt, hieß es.

Von der gescheiterten Konkurrenz in Demmin spricht Roland Schröder abfällig als „Industrieproduktion in dreckigen Klärbecken“. Sein Konzept dagegen funktionierte, ist er sich sicher. „Es gibt bereits Anfragen von renommierten internationalen Kaviarhändlern in Mengen von 6000 Kilogramm“, sagt der Geschäftsmann und zeigt einen eingescannten Brief. Und noch etwa stimmt ihn zuversichtlich: Offenbar essen nicht nur die Reichen und Schönen auf Mallorca und in Moskau gern Kaviar, auch in Zippelsförde verkauft sich der Rogen gut. Gerade erst wieder hat sich eine Gruppe Radwanderer an der kleinen Theke der Fischfarm eingedeckt.

Neben geräuchertem Saibling, frischen Forellen und Limo verkaufen Schröders Mitarbeiter dort auch Störfleisch und Kaviar aus eigener Produktion. Allein über die Theke seien innerhalb eines Monats mehr als ein Kilogramm verkauft worden, erzählt Schröder. Schon plant der ICC-Chef eine Vertriebs-Offensive nach US-amerikanischem Vorbild. Was in Zippelsförde geht, muss auch auf Mallorca, Sylt oder am Wannsee funktionieren: „Wir machen es einfach wie Coca-Cola, kaufen 1000 Kühlschränke, packen ausschließlich unsere Kaviardosen rein und stellen sie in Golf-, Jacht- und Countryklubs.“

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