Berlin : Das vergessene Märchenschloss

Radpartie 7 ins verwunschene Briesetal - dessen Zauber lockte Adolf Friedrich Wollank einst nach Dammsmühle. Dort schuf er einen Traum aus 1001 Nacht. Jetzt wartet sein Herrenhaus auf einen neuen Prinzen, der es wachküsst

Claus-Dieter Steyer

Auf dem See schwamm ein echter Palast aus dem Orient. Beim Blick zur großen Kuppel, den bunten Bögen und phantasievollen Türmchen und nicht zuletzt bei der Begrüßung durch eine farbenprächtig gekleidete Dienerschar fühlten sich die Gäste wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Tänzer, Gaukler und Musiker boten im Fackelschein ein zauberhaftes Schauspiel. Wer für einen Moment die Augen schloss, konnte sich weit weg von Brandenburg träumen. Dabei trug das Floß mit dem großen Serail seine Besucher nur über den kleinen Ausläufer des Mühlenbecker Sees im Norden von Berlin. Nach dem nächtlichen Amüsement legte sich die Festgesellschaft im nahen Schloss Dammsmühle zur Ruhe.

Fast 100 Jahre liegen diese Feiern zurück. Vergilbte Bilder zeugen vom einstigen Glamour, den Gutsherr Adolf Friedrich Wollank (1866-1915) bezahlte. Doch es gibt auch Erinnerungen an ganz andere Schlossherren in den folgenden Jahrzehnten. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, nutzte Dammsmühle in den 30er Jahren als Quartier und Nobelherberge und ließ den Park von Häftlingen aus dem nahen KZ Sachsenhausen pflegen. Und nach dem Kriegsende kam die Stasi. Die DDR-Spitzel betrieben seit 1953 im Schloss ein Schulungs- und Erholungsheim. Auch sie schätzten das nahe Briesetal – eine verwunschene Wald- und Sumpflandschaft von außergewöhnlicher Schönheit.

Seit der Eiszeit vor 10000 Jahren schlängelt sich die Briese zwischen dem Wandlitzsee und der Havel im Westen von Birkenwerder entlang. Über weite Strecken gleicht die Gegend dem viel gerühmten Spreewald – nur für Spreewaldkähne reichen Wasserstand und Breite der Briese nicht aus. Dafür schwärmen Angler heute von ihrem Fischreichtum, den schon wendische Volksstämme schätzten. Von den Wenden kommt vermutlich auch der Name Briese; er könnte sich vom altslawischen Wort Breza (Birke) ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden an der Briese mehrere Mühlen und zwei Staustufen. Den Ausschlag gab das beachtliche Gefälle des Flüsschens von einem Meter auf einem Kilometer – eine Seltenheit im flachen Brandenburg. Davon profitierten neben den Müllern besonders die Flößer. Sie transportierten Baumstämme auf den gestauten Flusspartien zur Kolonie Briese bei Birkenwerder. Hier wurde das Holz zu Holzkohle verarbeitet oder für den Teerofen gebraucht.

Teerbrennerei und Mühlen überlebten die Zeit nicht. Nur der Name Dammsmühle blieb erhalten. Er geht auf den Sattlermeister Peter Friedrich Damm zurück, der zu viel Geld kam, weil er die Armee FriedrichsII. mit Lederzeug ausstattete. In Berlins Mitte bewohnte er das heutige Ermelerhaus und kaufte 1755 die neun Jahre zuvor errichtete Wassermühle zwischen Mühlenbeck und Schönwalde. Er erweiterte sie zu einem Landgut, das sich am preußischen Königshof schnell als schönes und diskretes Ausflugsziel herumsprach.

Nach mehreren Eigentümerwechseln schlug 1894 die große Stunde für Adolf Friedrich Wollank. Dessen Vater war Amtsvorsteher in Pankow (nach ihm ist dort die Wollankstraße benannt), außerdem besaß er Ländereien im Barnim. Sohn Adolf Friedrich verliebte sich in den Flecken bei Schönwalde und ließ sich einen Herrensitz bauen, gekrönt durch den schwimmenden Palast. Nach seinem Tod kaufte der englische Industrielle Harry Goodwin Hart das Anwesen. Er wollte dort seinen Lebensabend verbringen und setzte das bunte Treiben fort. Bankiers, Unternehmer, Künstler und Schauspieler gaben sich ein Stelldichein. Überliefert ist beispielsweise der Name des Schauspielers und Filmproduzenten Harry Piel, bekannt durch seine Abenteuerfilme, die er in den Canyons der Rüdersdorfer Kalksteinbrüche drehte.

Doch mit dem Machtantritt der Nazis endete auf Dammsmühle die unbeschwerte Zeit. Harry Hart musste als Jude in die Schweiz flüchten, sein Eigentum fiel an die Nazis. Die SS zog ins Schloss ein, nach 1945 diente Dammsmühle als Lazarett, doch seit den 50er Jahren empfing Stasi-Chef Erich Mielke dort streng bewacht seine Gäste. Dieser Spuk endete im Jahre 1989.

In den Neunzigern feierte hier Hildegard Knef einen großen TV-Erfolg. In der ZDF-Serie verwandelte sich das Schloss in ein turbulentes Seniorenheim – das „Haus am See“. Zu diesem Zeitpunkt bot Dammsmühle noch ein wirklich schönes Bild. Turm und Schloss-Flügel spiegelten sich im Wasser.

Die Bilder weckten im ganzen Land die Neugier. Viele wollten den noch recht unbekannten Landstrich sehen. Wander- und Radvereine boten geführte Touren entlang des Summter und Mühlenbecker Sees und durchs Briesetal an – oder zum nahen Wandlitz- und Liepnitzsee. Der Bekanntheitsbonus durch die Fernsehserie wirkte Wunder. Hochzeitspaare gaben sich im Schloss das Jawort und drehten in der Kutsche eine Runde um den See. An schönen Tagen war auf der Terrasse kaum ein Platz zu finden.

Aber das Glück währte nicht lange. Gastronomen und Hoteliers gaben sich als Pächter von Schloss Dammsmühle die Klinke in die Hand und glitten ab auf Pizza-Niveau. Das beschleunigte den Niedergang, zumal Geld für die Modernisierung fehlte. Hoteliers und Makler feilschten Ende der Neunziger um das vermeintliche Filet-Stück und verspekulierten sich. Auch internationale Konzerne zeigten Interesse. Dammsmühle erschien ihnen als repräsentatives Gästehaus vor den Toren Berlins ideal, aber das Nazi-Kapitel in der Schlossgeschichte schreckte sie ab. Seither machen Pläne von einer Rehabilitationsklinik, einer Managerschule und Fortbildungsstätte die Runde. Doch nichts passiert. Das Haus verfällt. So ging der vergessene Prachtbau Mitte 1997 schließlich an die Erben des Industriellen Hart in den USA und in der Schweiz zurück. Sie verkauften das Schloss – jetzt gehört es einem Mediziner aus Niedersachsen. Und der schweigt über seine weiteren Pläne.

Aus der Ferne ist der Niedergang allerdings kaum zu ahnen. Wer vom Mühlenbecker See daherradelt, blickt plötzlich über den kleinen Waldsee zum Schloss. So märchenhaft sah es auch zu Adolf Friedrich Wollanks Zeiten aus, als die Gäste hoch zu Ross oder im Einspänner von einer Landpartie aus dem schönen Briesetal zurückkehrten.

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