Berlin : Das „Volksgefängnis“ in der Schenkendorfstraße

Vor 30 Jahren wurde der CDU-Politiker Peter Lorenz freigelassen. Die terroristische „Bewegung 2. Juni“ hatte ihn entführt

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Von Lars von Törne

Die entscheidenden Worte wurden am 4. März 1975 in der Abendschau verlesen. „Ein Tag, so wunderschön wie heute“ lauteten sie und waren Teil einer Erklärung der tags zuvor nach Jemen ausgeflogenen Terroristen. Vier Stunden nach Übermittlung des vereinbarten Codes ging ein sechstägiger Albtraum für den CDUPolitiker Peter Lorenz zu Ende. „Am 5. März um 00.03 Uhr hatten wir ihn in unserer Obhut“, erinnert sich der damalige Polizeipräsident Klaus Hübner in seinen Memoiren. „Auf einem der endlosen Gänge im Präsidium umarmten wir uns stumm.“ Eine der spektakulärsten politisch motivierten Entführungen der jüngeren deutschen Geschichte war ohne Blutvergießen zu Ende gegangen.

30 Jahre später erinnert in der Stadt nichts mehr an die Entführung, die sechs Tage lang die Nachrichten dominierte. In der Kreuzberger Schenkendorfstraße wissen heute nur noch wenige Bewohner, dass hier, im Haus Nummer 7, in dem heute eine Sozialberatungsstelle sitzt, zwei fensterlose Kellerräume unter einem Trödelladen mit zynischem Pathos zum „Volksgefängnis“ ernannt worden waren. Darin hielten Mitglieder der links-anarchistischen Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ Lorenz, CDU-Chef, Präsident des Abgeordnetenhauses und Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, nach seiner Entführung aus dem Dienstwagen heraus am 27. Februar – drei Tage vor der Abgeordnetenhauswahl – bis zum Abend des 4. März fest. Sie wollten mit ihm sechs Gesinnungsgenossen aus der Haft freipressen.

Lorenz’ Entführung, die damals auch bei vielen nicht militanten Linken auf Sympathie stieß, war ein doppelter Präzedenzfall: Nie zuvor war in der Bundesrepublik ein Politiker als Geisel genommen worden. Und zum ersten und einzigen Mal kam die Bundesregierung den Forderungen von Terroristen nach, um ein Menschenleben zu retten. „Bei allen Maßnahmen, die zu treffen sein werden, hat die Unversehrtheit des Entführten absoluten Vorrang“, lautete die Devise, die der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) ausgegeben hatte. Das stieß in der Öffentlichkeit auf Widerspruch. „Die Entführung als Mittel des politischen Kampfes wurde legalisiert“, kritisierte „Spiegel“-Herausgeber Augstein.

Auch die SPD-geführte Bundesregierung Helmut Schmidts war gegen Verhandlungen. Schmidt bezeichnete später die Entscheidung, den Entführern nachzugeben, als den größten politischen Fehler seiner Amtszeit. Und Helmut Kohl befand im Rückblick: Durch das Entgegenkommen im Fall Lorenz sei der Staat erpressbar geworden. Das sollte sich nicht wiederholen. Als in späteren Jahren die im Vergleich zum „2. Juni“ autoritärere und gnadenlosere „Rote Armee Fraktion“ mit Botschaftsbesetzungen und Entführungen für ihre Ziele kämpfte, zeigte sich der Staat weniger nachgiebig.

Es waren fieberhafte Tage damals, Anfang März, in Berlin. Während die Entführer mit Lorenz unentdeckt das Kreuzberger Kellerverlies erreichten, bildeten der Berliner Senat und die Bonner Bundesregierung Krisenstäbe. Am 28. Februar ging bei der Nachrichtenagentur dpa das Foto ein, das zum Symbol jener Zeit wurde. Es zeigt den Entführten, in eine Decke gewickelt und mit ausdruckslosem Blick, vor der Brust ein Schild, auf dem in Großbuchstaben steht: „Peter Lorenz – Gefangener der Bewegung 2. Juni.“ Der Name der Gruppe bezog sich auf den Todestag des Studenten Benno Ohnesorg, der acht Jahre zuvor bei einer Demonstration von Polizisten erschossen worden war. Mit dem Foto schickten die Entführer ihre Forderungen, von denen die wichtigste die Freilassung von sechs Gesinnungsgenossen war, darunter der heute als rechtsextremer Agitator auftretende Anwalt Horst Mahler und der als Stasi-Spion enttarnte Till Meyer.

Von den Entführern fehlte jede Spur, auch, weil die Polizei vorerst auf eine groß angelegte Fahndung verzichtete. Im Kreuzberger Kellerverlies vertrieben sich die Entführer und ihre Geisel derweil die Zeit mit Schachspielen und schauten gelegentlich gemeinsam Fernsehen. Am 2. März sahen sie die Ergebnisse der Abgeordnetenhauswahl, aus der Lorenz’ Partei als Sieger hervorging. „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ja wohl der nächste Bürgermeister“, sagten die Entführer dann zu ihrem Opfer, schreibt Hübner. „Da hat er gestrahlt.“

Auch am Vormittag des 3. März saßen Lorenz und seine Bewacher wieder vorm Fernseher. Sie verfolgten, wie die inzwischen aus den Gefängnissen freigelassenen Terroristen in Begleitung von Pfarrer Heinrich Albertz ausgeflogen wurden. Dann stießen sie mit Wein auf ihren Erfolg an, schreibt Klaus Hübner. Tags drauf kehrte Albertz nach Deutschland zurück, verlas die Erklärung mit der Losung, und Lorenz’ Qual hatte ein Ende.

Die Freiheit der Gefangenen, die die Terroristen freigepresst hatten, währte nur kurz. Die meisten wurde kurze Zeit später gefasst und inhaftiert. Die Fahndung nach den Tätern lief intensiv, in den folgenden Monaten schnappte die Polizei ein Dutzend Verdächtige. Die Entführer und ihre Helfer wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Manche der Beteiligten, wie Ralf Reinders und Roland Fritzsch, rechtfertigen ihre Taten bis heute. Sie engagieren sich seit ihrer Freilassung aus dem Gefängnis auch weiterhin politisch in der linken Szene. Auf Diskussionsveranstaltungen über die Lorenz-Entführung schwärmen sie gelegentlich von den „humanen Bedingungen“ im Geisel-Keller.

Peter Lorenz ist im Jahr 1987 kurz vor seinem 65. Geburtstag überraschend an Herzversagen gestorben. Über die Entführung, die sechs schwersten Tage seines Lebens und die Todesangst im Kellerverlies hat er bis zu seinem Tod nicht öffentlich gesprochen.

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