DDR-Comics : Linientreue Strichmännchen

Kommunistische Helden und Disney-Doppelgänger: Eine Berliner Ausstellung erzählt noch bis Ende März die Geschichte des DDR-Comics und seiner politischen Bedeutung.

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Wilhelm Pieck als Comic-Figur: „Agnes und ihr Präsident“ heißt die Geschichte von Wolfgang Altenburger (Text) und Günter Hain (Grafik), die 1976 in der DDR-Zeitschrift „Atze“ erschien. Foto: Promo
Wilhelm Pieck als Comic-Figur: „Agnes und ihr Präsident“ heißt die Geschichte von Wolfgang Altenburger (Text) und Günter Hain...Foto: Promo

Eigentlich wollte Hubert nur Fußball spielen. Doch plötzlich macht der Fünftklässler eine Entdeckung: Nahe der Staatsgrenze bewegen sich zwielichtige Gestalten. Hubert fackelt nicht lange und meldet sie der Volkspolizei. Wenig später gehen die Verdächtigen den Grenztruppen ins Netz. Sie hatten Verbrechen auf dem Gebiet der DDR verübt und wollten nun zurück zu ihren Auftraggebern im Westen flüchten. Die Schurken wandern ins Kittchen, und Hubert erhält eine Medaille.

Comics als Gegengift

Die Fabel vom „wachsamen Hubert“ trieft nur so vor Ideologie. Veröffentlicht wurde sie 1970 als Beilage der DDR- Kinderzeitschrift „Atze“ aus Anlass des 25. Jubiläums der Volkspolizei. Auftraggeber der kleinen Bildgeschichte: das Ministerium des Innern der DDR. Huberts Abenteuer hängen dieser Tage neben vielen anderen Bildgeschichten in einer Ausstellung des Kunstvereins Tiergarten. Sie erzählt die kaum bekannte Geschichte eines Mediums, das es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen: des DDR-Comics.

„Comics galten in der DDR als Schmutz und Schund“, sagt Ausstellungsmacher Thomas Kramer. Seitdem der 1959 geborene Sachse im Alter von sechs Jahren sein erstes Comic-Heft bekam, ließen ihn die Kindergeschichten nicht mehr los. Als Literaturwissenschaftler schrieb er ein Buch über „Micky, Marx und Manitu“, zuletzt widmete er seinem Landsmann Karl May eine Biografie. Comics aber sind seine besondere Leidenschaft. „In der DDR wurden sie anfangs bekämpft“, so Kramer.

Aus dem Westen eingeschmuggelte Micky-Maus-Heftchen und Tarzans Abenteuer betrachtete man als illegale Propaganda, die bei Strafe verboten war. Mitte der fünfziger Jahre besann sich die DDR-Jugendpolitik jedoch auf eine andere Strategie: Da die Verbreitung von Comics nicht zu verhindern war, bekämpfte man sie mit einem „Gegengift“: eigenen Comics.

Interbrigadisten, revolutionäre Matrosen und „rote Bergsteiger“

Gegen den anfänglichen Widerstand traditioneller Kinderbuchautoren erfanden die FDJ-eigenen Verlage „Neues Leben“ und der Verlag „Junge Welt“ 1955 zwei eigene Comic-Hefte. „Atze“ richtete sich mit Abenteuern aus aller Welt an die Älteren, in „Mosaik“ erlebten die Kobolde Dig, Dag und Digedag lustige Abenteuer. Dazu kamen zwei Mäusekinder namens Fix und Fax. Damit zeigten die DDR-Comic-Helden auffällige Ähnlichkeiten zu westlichen Vorbildern wie Fix und Foxi oder Tick, Trick und Track aus dem Disney-Imperium, doch folgten sie natürlich nicht dem Kapitalismus eines Dagobert Duck, sondern der DDR-Lesart des Marxismus-Leninismus. Thomas Kramer hat hunderte Hefte gesammelt und akribisch durchgearbeitet. Sein Ergebnis: Die millionenfach verbreiteten vermeintlich lustigen Geschichten waren ein wichtiges Medium für die geschichtspolitische Beeinflussung der DDR-Jugend.

Nach dem Vietnamkrieg. Ebenfalls von Altenburger/Hain stammt „Hoa trocknet seine Tränen“ von 1977.  Foto: Promo
Nach dem Vietnamkrieg. Ebenfalls von Altenburger/Hain stammt „Hoa trocknet seine Tränen“ von 1977. Foto: Promo

Die Originale, die nun in zwei großen Ausstellungsräumen hinter Glas die Wände bedecken, eröffnen ein Panorama der volkseigenen Sicht der Historie. Vor allem die Zeitschrift „Atze“ illustrierte die deutsche Geschichte in Episoden. Ihre tapferen Helden sind Interbrigadisten, revolutionäre Matrosen und „rote Bergsteiger“. Viele Zeichnungen waren bekannten Fotos nachempfunden, wie Thomas Kramer in akribischer Recherche herausgefunden hat. Die großflächige Szene eines Schützengrabens aus dem Ersten Weltkrieg etwa folgt einer Filmszene aus dem Defa-Dokumentarfilm „Du und mancher Kamerad“ von 1956. Andere Comicszenen basieren auf Pressefotografie. Eine Szene mit mehreren NVA-Soldaten vor dem Brandenburger Tor hat ihr Vorbild in dem Foto einer DDR-Presseagentur. Mit solchen Anleihen sollte Authentizität behauptet werden: Immer wieder wird behauptet, dass es sich um „wahre Ereignisse“ mit streng dokumentarischem Anspruch handele.

Von DDR-Helden zu gesamtdeutschen Stars

Manchmal stammten die Vorbilder aber auch aus Ufa-Filmen der 30er Jahre oder sogar aus dem verfeindeten Westen. Der amerikanische Time-Life-Verlag etwa war wenig erbaut, seine Zeichnungen von Planeten kaum verändert im DDR-Comic wiederzufinden, doch hinter dem „Eisernen Vorhang“ brauchte man Urheberrechts-Verfahren nicht zu fürchten – der Fall verlief im Sande.

Neben den großen Geschichtspanoramen der Novemberrevolution oder der Staatsgründung der DDR entwarfen die Comics auch Zukunfts-Utopien. Die Digedags etwa bereisten einen Planeten, auf dem die sozialistische Gesellschaft bereits vollendet war: inklusive Erdöl-Kombinat und Kinderparadies aus Plaste und Elaste. Solche Entwürfe wurden auch dreidimensional umgesetzt: Satelliten, Raketen und das Flugzeugmodell 152 füllen in der Ausstellung Vitrinen. Prunkstück ist ein seltenes, drei Meter breites Modell der Einschienenbahn, die nur im Comic fuhr. In der Realität blieb sie Entwurf, ebenso wie der sagenhafte Düsenjet 152: Ein Prototyp stürzte 1959 hinter Leipzig ab. Manche Comics wirken daher retrospektiv wie Mahnmale der nie erreichten technischen Überlegenheit, etwa bei der schon zu DDR-Zeiten utopisch wirkenden Vision eines ultramodernen Berliner Großflughafens – eine unfreiwillige Parallele zur Gegenwart.

Mitte der Sechziger trat zumindest bei den Digedags die Ideologie etwas in den Hintergrund. „Atze“ hingegen versuchte mit militaristischen Abenteuern aus Vietnam den Jugendlichen die Offizierslaufbahn in der NVA schmackhaft zu machen und hetzte gegen „westliche Rowdys“. Schließlich wurde das Heft selbst ein Opfer der Geschichte: Zwei Jahre nach dem Mauerfall erschien die letzte Folge. Die Nachfolger der Digedags, die 1975 erfundenen Abrafaxe, erfreuen hingegen in den bis heute erscheinenden „Mosaik“- Heften ihre Fans – neuerdings auch als Smartphone-App. Neben den Ampelmännchen gehören sie zu den systemübergreifend erfolgreichen DDR-Strichmännchen, auch wenn sie nicht mehr linientreu sind.

„Atze und Mosaik. Geschichte und Politik zwischen 1914 und 1989 in DDR-Comics“, bis 29. März, Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten, Turmstraße 75 (Moabit), Dienstag bis Samstag von 13–19 Uhr, Eintritt frei.

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