Berlin : DDR-Flucht unter Volldampf

Vor 50 Jahren durchbrach ein Zug die Grenze zwischen Ost und West.

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Durchbruch nach Westen. Der Zug wurde wieder zurück über die Grenze geschoben. Foto: Ullstein Bild
Durchbruch nach Westen. Der Zug wurde wieder zurück über die Grenze geschoben. Foto: Ullstein BildFoto: ullstein bild

Ein Ausflug zur Tante – so hatten es die Eltern dem kleinen Manfred und seinen drei Brüdern gesagt. Seltsam nur, dass die Familie abends aufbrach und er seinen Ranzen mitnehmen sollte. Der war nicht mit Schulfibel und Schreibtafel, sondern frischer Wäsche gefüllt, doch das wusste er nicht.

Manfred Deterling (57), Zollbeamter aus Singen, an der Grenze zur Schweiz eingesetzt, erinnert sich noch gut an den 5. Dezember 1961, die Flucht seiner Familie in den Westen, eine der spektakulärsten in der Geschichte der deutschen Teilung, die auch verfilmt wurde: In einem von seinem Vater Harry Deterling und dem Heizer Hartmut Lichy gesteuerten Zug hatten 25 Menschen bei Spandau die Sperren durchbrochen. Am Tag darauf, heute vor 50 Jahren, kappte die DDR die alte Strecke Berlin – Hamburg, zerstörte die Gleise nahe des Bahnhofs Albrechtshof, ließ nun die Züge auf der leichter zu kontrollierenden Trasse über Potsdam-Griebnitzsee fahren. Erst 1995 wurde die Lücke wieder geschlossen.

Die Familie lebte in Oranienburg. Harry Deterling arbeitete bei der Reichsbahn in Pankow, hatte sich geweigert, eine Erklärung zu unterschreiben, dass er der Grenzschließung zustimme. Als er dem Druck nicht nachgab, sollte er ab Januar 1962 zwecks „politischer Umerziehung“ in der Ziegelei Zehdenick arbeiten, für eine Mark pro Tag, wie sein Sohn erzählt. Der Heizer hatte ähnliche Probleme, sollte zum Militär, sträubte sich aber gegen den Dienst an der Waffe.

Beide waren auf der Strecke Oranienburg – Potsdam eingesetzt, durch einen Zufall erfuhr Deterling, dass die Interzonenstrecke bei Albrechtshof, zwischen Falkensee und Spandau, geschlossen werden sollte. Bei Albrechtshof, so wusste er, gab es Zäune und ein Tor, aber keine Weichen – und die Grenze lag nur einen Kilometer hinter dem letzten Bahnhof. Der Fluchtplan war geboren. Deterling weihte den Heizer, Freunde, Verwandte ein – und täuschte den Vorgesetzten vor, einlenken zu wollen. Zum Zeichen des guten Willens wolle er eine unbezahlte Sonderschicht fahren – auf der Strecke nach Albrechtshof.

Am Abend des 5. Dezember 1961 war es so weit: Er stand auf dem Dienstplan, sein Heizer aber nicht, das konnten sie noch ändern. Um 19.33 Uhr startete ihr Zug in Oranienburg, in den acht Waggons saßen Deterlings Familie, die der Schwester, die Mutter – und beim letzten Halt in Falkensee stiegen noch Freunde zu, die im Taxi hinterhergerast waren. Nun ging es ganz schnell: Ab Albrechtshof Volldampf, der Lokführer ließ die Pfeife aufheulen, um die Bahnbediensteten im Westen zu warnen, zog sich mit dem Heizer in den Kohletender zurück, falls geschossen würde. Auch die Flüchtlinge in den Waggons legten sich auf den Boden. Die Mutter habe noch Koffer als provisorischen Schutz an den Seiten aufgebaut, erinnert sich Manfred Deterling. Die Notbremse in den Waggons hatte sein Vater stillgelegt, der Zugführer und ein mitreisender Bahnpolizist waren machtlos.

Um 21.03 Uhr flog krachend das Grenztor zur Seite, die Flüchtlinge waren im Westen. Der Zug hielt auf freier Strecke, mit der Mutter liefen die Kinder zu einen nahen Haus, wenig später kam Polizei und brachte sie ins Lager Marienfelde. Der Zug wurde später zurückgeschoben, sieben an der Flucht unbeteiligte Personen waren schon zu Fuß zurückgelaufen. Andreas Conrad

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