Debatte in Berlin : Staatsekretärin Chebli prangert Alltags-Sexismus an

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli berichtet über einen sexistischen Vorfall. Über die feine Linie zwischen Kompliment und Sexismus. Ein Kommentar.

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Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Senatskanzlei.
Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Senatskanzlei.Foto: dpa

Fast fünf Jahre sind vergangen, seit ein #Aufschrei durchs Land ging. Die Sexismusdebatte – ausgelöst durch einen Artikel der Journalistin Laura Himmelreich über den FDP-Politiker Rainer Brüderle und dessen Dirndl-Bemerkung – beschäftigte mehrere Wochen lang die Menschen von Talkshow bis Stammtisch.

Fast zwei Jahre ist es her, dass die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln, in der Frauen angetanzt und begrabscht wurden, eine ähnliche Debatte nach sich zogen, gipfelnd im Ratschlag der Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Frauen sollten „eine Armlänge Abstand halten“. Über allem steht die Frage: Was müssen sich Frauen gefallen lassen? Wo verläuft die feine Linie zwischen Belästigung und Flirt, zwischen einer sexistischen Äußerung und einem Kompliment?

Viel weiter sind wir offenbar noch nicht gekommen. Das zeigt ein Vorfall, der die sozialen Medien am Wochenende erneut heißlaufen ließ.

Aus dem Alltag einer Karrierefrau

Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Senatskanzlei, war am Sonnabend eingeladen, eine Rede zu halten. Um welche Veranstaltung es sich handelte, möchte sie nicht sagen. Es geht ihr um die Sache, die so oder ähnlich täglich tausendfach stattfindet. Chebli schildert den Vorfall wie folgt: „Vier Männer sitzen auf dem Podium. Ich setze mich auf den reservierten Platz in die erste Reihe.

Vorsitzender vom Podium aus: ,Die Staatssekretärin ist nicht da. Ich würde sagen, wir fangen mit den Reden dennoch an.‘ Ich antworte ihm aus der ersten Reihe: ,Die Staatssekretärin ist da und sitzt vor Ihnen.‘ Er antwortet: ,Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.‘“

Eine Situation, wie sie wohl jede Frau schon einmal erlebt hat – und so mancher Mann sicher auch. Die Herablassung des Herren auf dem Podium zeugt vor allem von Unprofessionalität. Müsste er als Gastgeber nicht wissen, wie seine Rednerin aussieht? Hat er den Faux Pas nur unbeholfen überspielt? Oder ist er wirklich der Meinung, dass einigermaßen junge (Chebli ist 39), gutaussehende Frauen in solchen Jobs noch ungewöhnlich sind?

Von Anerkennung und Ärger

Chebli holt das in der Öffentlichkeit – die gerade über Harvey Weinstein diskutiert – nach, was sie in der Ohnmacht der Situation oder zur Wahrung ihrer Professionalität nicht getan hat. Vor Ort sei sie ans Pult getreten und habe gesagt: „Sehr geehrter Herr Botschafter a.D., es ist schön, am Morgen mit so vielen Komplimenten behäuft zu werden.“ Nun aber schreibt sie auf Facebook, sie sei noch immer geschockt, so etwas habe sie noch nie erlebt.

Beides, erste Sprachlosigkeit und öffentlicher Ärger, sind nachvollziehbar. Nur könnte es sein, dass Chebli mit ihrem Facebook-Eintrag das Gegenteil von dem erreicht, was sie möchte.

Natürlich kann es helfen, einen solchen Vorfall öffentlich zu machen, das Bewusstsein zu schärfen, andere Frauen zu ermutigen, so etwas nicht einfach hinzunehmen. Wer mit ihr spricht, erfährt, dass sie viele positive Nachrichten bekommen hat, gerade von Frauen.

Der Eindruck, der im Netz entsteht, ist jedoch ein anderer. Das Zeitalter der sozialen Medien bringt es leider mit sich, dass jedes Würstchen seinen Senf dazugeben kann. Wer die Kommentare liest, blickt in die Abgründe der Gesellschaft.

Alles ist vertreten, von offenem Rassismus („Solche Frauen wie Sie können wir in Deutschland nicht gebrauchen.“) bis zu Frauen, die schreiben, sie solle sich nicht so haben. Wer das liest fühlt sich eher angehalten, seine Wut über offenen Seximus herunterzuschlucken und sich für die vermeintlichen Komplimente zu bedanken.

Was also tun? Wie wär’s mit: Dem Mann charmant lächelnd auf die Schulter klopfen? Sie kriegen das auch schon noch mit, mein Lieber. Eine spitze Bemerkung, möglichst ironisch: Vielleicht erreicht man damit viel mehr. Vor allem bei jenen, denen ihr Alltagssexismus gar nicht bewusst ist.

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