• Demo "Friedenswinter" in Berlin: Verschwörungstheoretiker, Linke und Neonazis gegen Gauck

Demo "Friedenswinter" in Berlin : Verschwörungstheoretiker, Linke und Neonazis gegen Gauck

2000 Verschwörungstheoretiker, Rechte, Linke und offenkundige Wirrköpfe trafen sich am Samstag in Berlin zur Demonstration der Aktion "Friedenswinter". Auch Ulla Jelpke und Diether Dehm, Bundestagsabgeordnete der Linken, waren dabei.

Martin Niewendick
Demonstration der Aktion "Friedenswinter" am Samstag vor dem Berliner Hauptbahnhof und dem Schloss Bellevue mit Verschwörungstheoretikern, Linken, Rechten und Wirrköpfen.
Demonstration der Aktion "Friedenswinter" am Samstag vor dem Berliner Hauptbahnhof und dem Schloss Bellevue mit...Foto: Thilo Rückeis

„Die Konstruktion von Feindbildern widerspricht der Aufklärung“, ruft eine Frau Mitte Fünfzig in die Menge. Die Rednerin steht auf einer Bühne auf dem Washingtonplatz am Berliner Hauptbahnhof. Rund 2000 Menschen sind an diesem Samstag gekommen, um für den Frieden zu demonstrieren. Feindbilder haben viele hier allerdings genug anzubieten.

Allen voran trifft es Bundespräsident Joachim Gauck. „Stahlhelm ab, Herr Gauck!“, und „Du sollst nicht töten, Herr Pfarrer“, ist auf Transparenten zu lesen. So ist auch das Schloss Bellevue, der Sitz des Bundespräsidenten, das Ziel der Demonstration, die unter dem Namen „Friedenswinter“ läuft. Sie soll den Auftakt zu einer Reihe von Aktionen und Demonstrationen bilden, die bis zum Frühjahr 2015 reichen.

Organisiert wird die Demonstration von Aktivisten aus dem Umfeld der sogenannten Friedensmahnwachen, einer Ansammlung von Putin-Verstehern, Verschwörungstheoretikern, Teilen der antiwestlich ausgerichteten, traditionellen Friedensbewegung und ein paar Neonazis. Es ist wahrlich eine bunte Mischung, zu der sich auch der berühmte Kirchenkritiker Eugen Drewermann gesellte.

Neben Gauck ist hier vor allem der Westen schuld an den Kriegen dieser Welt, vor allem an der Eskalation des Ukraine-Konflikts. „Der größte Aggressor ist die Nato, das gefährlichste Land ist die USA“, sagt eine aufgebrachte Teilnehmerin. Sie wirft den Medien eine einseitige Berichterstattung vor. Zwar sei auch Putin „ein Schwergewicht“, trage aber dennoch zur Deeskalation im Konflikt bei.

„Ich sehe keinerlei Aggressionen durch Putin oder durch Russland.“

Auch die Bundestagsabgeordnete der Linken, Ulla Jelpke, ist zum Washingtonplatz gekommen, wie auch ihr Parteifreund und Abgeordnetenkollege Diether Dehm. Eigentlich hatte sich ihre Partei auf einen Boykott der Bewegung verständigt, dennoch haben mehrere Spitzenpolitiker der Linken den Aufruf zur Demonstration unterschrieben, darunter Sahra Wagenknecht. Jelpke hat nicht unterschrieben. Sie wolle zunächst nur „beobachten“, sagt sie dem Tagesspiegel. Hinterher wolle sie sich dann ihr Urteil bilden. Zu Putin und der Ukraine hat aber auch sie eine klare Meinung. Sie findet, dass vor allem die Nato „angegriffen werden muss“. Diese dränge zunehmend an die Grenzen Russlands. Für sie steht fest: „Ich sehe keinerlei Aggressionen durch Putin oder durch Russland.“ So sehen das hier die meisten.

Dazu passt, dass die Moderatorin auf der Bühne am Washingtonplatz eine Reporterin des neuen Senders„RT Deutsch“ ist. Das ist ein deutschsprachiger Internetableger des russischen Propagandasenders „Russia Today“ und steht diesem in Sachen Einseitigkeit in nichts nach.

Gegendemonstranten mit Israelfahne werden beschimpft

Die Themenpalette der vermeintlichen Friedensaktivisten ist breit. „Die BRD ist kein Staat sondern eine GmbH“, murmelt jemand im Vorbeigehen. Eine Aktivistin von der „Friedensmahnwache Bautzen“, einer der rechtesten Ableger der Bewegung, hält einen diffusen Monolog. Schon in der Bibel sei der nun bevorstehende Dritte Weltkrieg angekündigt, sagt sie. Außerdem seien ab nächstem Jahr Zeitreisen möglich. Das alles gehöre zum Plan der „Geheimregierung“, und man könne das alles in der Bibel und im Internet nachprüfen.

Um die Bühne am Washingtonplatz sammeln sich die bekannteren Gesichter der „Friedensmahnwache“ – darunter Lars Märholz, der die Bewegung im Frühjahr 2014 aus der Taufe hob. Ziel der Demonstration sei es vor allem, sich auszutauschen, sagt er auf Nachfrage. „Das ist mehr eine Informationsveranstaltung als eine Demonstration.“ Kurz nachdem die Protestler losziehen, formiert sich eine handvoll Gegendemonstranten am Rande der Route. Sie zeigen Antifa-Flaggen und eine Israelfahne, was ihnen sogleich erboste „Kindermörder Israel“- Rufe einbringt. Das ist es wieder –  eines der Feindbilder, von denen die „Friedenswinter“-Aktivisten eigentlich nichts wissen wollen.

Was Forscher zu der zunehmenden Anziehungskraft von Verschwörungstheoretikern sagen, lesen sie hier.

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