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Demo "Wir haben es satt" in Berlin-Mitte : Der Straßenkampf

Zur Grünen Woche demonstrieren Gegner und Befürworter von industrieller Landwirtschaft in Berlin. Zumindest beim Motto war man sich anscheinend fast einig.

Daniel Mosler
Nach Polizeiangaben kamen deutlich weniger Demonstranten als von den Veranstaltern beider Demos erwartet.
Nach Polizeiangaben kamen deutlich weniger Demonstranten als von den Veranstaltern beider Demos erwartet.Foto: dpa

Es sind nur wenige Meter, die die Kontrahenten trennen. Vor dem Kanzleramt demonstrieren an diesem Samstag Tausende für eine Agrarwende. „Wir haben es satt“, sagen Öko-Landwirte, Umweltverbände, Politiker der Grünen und der Linken sowie viele Bürger, die gegen Massentierhaltung und Dumpingpreisen für Lebensmittel auf die Straße gehen. Es ist die Demo, die schon seit Jahren traditionell die Grüne Woche begleitet.

"Wir haben es satt" gegen "Wir machen Euch satt"

Doch die Gescholtenen wollen die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. „Wir machen Euch satt“, sagen hunderte Landwirte, die sich – erstmals – zur Gegendemo treffen. Vor dem Hauptbahnhof in Berlin wollen sie ein Zeichen setzen für ihren Berufsstand, der unter der Dauerkritik und dem Preisverfall für Milch, Schweine und Äpfel leidet.

Wirtschaftliche Sorgen gepaart mit Dauervorwürfen – das geht den Landwirten allmählich an die Nerven. Mit Imagekampagnen versuchen der Bauernverband und die Geflügelhalter daher schon seit Monaten, Boden gut zu machen.
Die einen demonstrieren vor dem Kanzleramt, die „Wir haben es satt“: unter diesem Motto rief am Samstag am Rande der Grünen Woche in Berlin ein bundesweites Bündnis aus Landwirten und Umweltverbänden zu einer Großdemo gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung auf.

Parallel dazu startete vor dem Berliner Hauptbahnhof eine Gegendemonstration. Gemäß dem Motto „Wir machen Euch satt“ wehrten sich Bauern gegen die Kritik von Tierschutzverbänden.

130 Trecker und tausende Demonstranten

Doch die Musik spielt auf der Gegenseite. Es ist kalt in der Hauptstadt, trotzdem ziehen 130 Trecker und tausende Demonstranten vom Potsdamer Platz bis vor Angela Merkels Kanzleramt. Bereits zum sechsten Mal hatte ein Bündnis aus über 100 Organisationen und Verbänden zur Demonstration aufgerufen. Die Teilnehmer kritisieren lautstark die Subventionierung der konventionellen Landwirtschaft und fordern von Merkel eine ökologischere Agrarwirtschaft. Wie im vergangenen Jahr greifen viele auch das TTIP-Abkommen an: Das geplante Freihandelsabkommen mit den USA schade bäuerlichen Kleinbetrieben.

Mehr Achtung für die Natur, das möchte Sarah Wiener, TV-Köchin aus Berlin. „Davon profitieren die Bauern, die Böden und die Nutztiere“, sagt die Unternehmerin. Bündnis-Sprecher Jochen Fritz hofft auf ein Umdenken bei den Verbrauchern: „Die Menschen wollen, dass Bauern und nicht Konzerne ihr Essen erzeugen“. Scharfe Kritik erntet auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel – vor allem von den Hilfsorganisationen: Sie werfen dem SPD-Politiker vor, nicht ausreichend gegen die Dumpingpreise der Exportwirtschaft vorzugehen.

Durch diese würden die Lebensgrundlagen vieler Bauern in Afrika zerstört. Kerstin Lanje, Agrarexpertin der Hilfsorganisation Misereor, fordert „politische Rahmenbedingungen zur Beendigung von Überproduktion“.

Deutschlands größter Biomarkt

Neben Teilnehmern aus Deutschland nehmen auch Landwirte aus Indien an der Kundgebung teil. Warum? Der Export von billigem Milchpulver sei für indische Bauern existenzbedrohend, kritisiert Aktivist Jochen Fritz.
Der gebürtige Süddeutsche betreibt einen Biobauernhof im brandenburgischen Werder. Er kritisiert die globalen Handelsströme, aber er sieht auch Probleme vor Ort. „Berlin gilt als Europas größter Biomarkt – dennoch wird viel von außerhalb importiert. Stattdessen sollte man mit Landwirten aus der Umgebung zusammenarbeiten“, meint der Bauer.

Der Wille ist da: Rund 10.0000 Personen haben im vergagenen Jahr eine Petition für regionalen Anbau unterschrieben.

Ähnlich wie Christina Henatsch gehen viele Landwirte mit gutem Beispiel voran: „Bio-Bauern zeigen heute schon, wie man gesunde Lebensmittel herstellt“, sagt Henatsch. Auf ihrem Bauernhof Gut Wulfsdorf nahe Hamburg zeigt sie Interessenten, wie ökologische Landwirtschaft funktioniert.

Auch das Klima profitiert

Bio ist der richtige Weg, sagt auch Malte Hentschke von der „Klima-Allianz“. Von kleineren Betrieben würde auch das Klima profitieren: „Bauernhöfe nutzen weniger klimaschädliche Zusatzstoffe wie Stickstoffdünger. Und das Futtermittel aus der Region stärkt die lokale Wirtschaft“. Rechne man die Folgekosten für die Umwelt und die Gesellschaft ein, seien konventionelle Lebensmittel deutlich teurer als Bioware, sagen die Ökolobbyisten. Nur dank der Agrar-Industrie seien niedrige Lebensmittelpreise möglich, sagen die Gegendemonstranten.

Schmidt will vermitteln

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will vermitteln. Bereits im Vorfeld der Demos hatte Schmidt beide Seiten zum Gespräch an einen Tisch geholt. Es gebe die Bereitschaft, miteinander zu reden, sagte der Minister am Samstag in Berlin.

Mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung warnte er aber vor zu hohen Erwartungen an einen Wechsel der Agrarpolitik. „Die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, geht nicht ohne intensive Landwirtschaft“, mahnt Schmidt.