Berlin : Demonstranten eroberten die Mitte

Friedensaktivisten, Abtreibungsgegner, Radler: Es fiel schwer, in der City den Überblick zu behalten

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Die Touristen hatten gestern zwar etwas weniger Platz zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz – dafür wurde ihnen aber noch mehr als sonst geboten. Mehrere Demonstrationen zogen gestern kreuz und quer durch den Bezirk. Hundertschaften der Polizei waren im Einsatz, um die Gruppen, die teilweise gegeneinander demonstrierten, zu trennen. Am Nachmittag starteten dann noch gut 1000 Radler zu ihrer Kreisfahrt.

Vor dem Roten Rathaus standen sich am Vormittag unversöhnlich Abtreibungsgegner und -befürworter gegenüber. „Abtreibung ist keine Lösung“, stand auf den Plakaten der christlichen Gruppen, schräg gegenüber riefen die Gegendemonstranten: „Abtreibung gehört zum Leben!“ Und dazwischen dröhnte es immer wieder „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ aus dem Oktoberfestzelt vor dem Roten Rathaus. Später versuchten etwa 120 linke Demonstranten den Schweigemarsch zur St. Hedwigs-Kathedrale der etwa 500 „Lebensschützer“ zu stören. Sie wurden aber von der Polizei abgedrängt. Beim anschließenden Gottesdienst wurden zwei weitere Frauen festgenommen, die ihre Brüste aus Protest entblößt hatten, die Polizei wertete das als „Störung der Religionsausübung“ und schrieb Strafanzeigen.

Nahezu zeitgleich erlebte die neue amerikanische Botschaft die erste größere linke Demonstration. 3300 Menschen zogen unter dem Motto „Truppen raus aus Afghanistan“ vom Brandenburger Tor zum Gendarmenmarkt. Aufgerufen hatte unter anderem die Partei „Die Linke“, die DKP und Attac; die Veranstalter zählten wesentlich mehr Teilnehmer als die Polizei, nämlich 7000. Aufmerksamkeit erregten zwei Frauen, die eine afghanische Burka trugen und Plakate der Linken trugen. „Das passt doch irgendwie nicht zusammen“, sagte ein Tourist aus dem Schwarzwald zu seiner Frau: „Sind die Linken jetzt für die Burka?“

Leichter hatten es die Radfahrer, den Passanten ihre Botschaft zu verdeutlichen. „Die Stadt mit dem Fahrrad neu erfahren“, hieß in diesem Jahr das Motto der „Kreisfahrt“ des Radlerclubs ADFC. Diese wird traditionell zum europaweiten Aktionstag „In die Stadt – ohne mein Auto“ veranstaltet und ist der kleinere Ableger der „Sternfahrt“ im Juni. Über die Kreuzberger Uferstraßen ging es durch Friedrichshain, Wedding und Moabit und im Kreis zurück zum Brandenburger Tor.

Die kleinste Demo fand am Pariser Platz vor der US-Botschaft statt. Ein einzelner Mann forderte „US-Atombomben raus aus Büchel“. In Rheinland-Pfalz soll die amerikanische Luftwaffe ihre atomaren Sprengkörper lagern. Auch dieser einzelne Demonstrant wurde von Touristen gerne fotografiert.

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