Berlin : Den Hof gemacht

In der DDR wären die Hackeschen Höfe beinahe untergegangen. Jetzt wird das Aushängeschild 100

Lothar Heinke

Die Leute hasten nicht, niemand rennt einen um – gemächlich schlendern sie von Hof zu Hof, ihr Blick folgt dem Lauf der bunten Kachelbänder an den Fassaden. Die kleinen Mode-, Schmuck- und Kunstläden wecken auf Schritt und Tritt Schau- und Kaufgelüste; irgendwann setzt man sich in eines der Restaurants und bestellt diese Berliner Weiße. In keinem europäischen Touristenführer fehlt der fett gedruckte Tipp! für einen Trip zum Hackeschen Markt. Der ist schnell abgehakt. Dann verschwindet die Menge im dunklen Eingang zu den Hackeschen Höfen. Das gerundete Eckhaus Rosenthaler Straße 40/41 saugt sie auf, die Leute mit den Stadtplänen in der Hand ebenso wie die Gruppen, die ihren Fremdenführern willig folgend andächtig zuhören, was es mit diesem lebendigen, besonderen Stück Stadt auf sich hat.

Der Name gehört jenem Stadtkommandanten Hans Christoph Graf von Hacke, den Friedrich der Große anno 1750 beauftragte, im Zuge der Stadterweiterung einzelne Freiflächen der Spandauer Vorstadt bebauen zu lassen. Auf dem Weg Berlins zur Weltstadt entstand Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Rosenthaler und Sophienstraße Deutschlands größter Wohn- und Gewerbekomplex mit vier- bis fünfgeschossigen Quer- und Seitengebäuden an acht Höfen. Am 23. September 1906 eröffnete damals das Weinrestaurant Neumann & Söhne – hundert Jahre später wird im heutigen „Hackeschen Hof“ das Jubiläum dieses Ensembles mit seiner Mischung aus Wohnen, Kultur und Kommerz gefeiert.

Und das wäre beinahe schief gegangen. Denn zu DDR-Zeiten verkam das Gelände. Die Höfe waren nur ein zeitsparender Durchgang vom Hackeschen Markt zur Sophienstraße, hierher zog es keinen, es sei denn, er war in einem der Gewerbebetriebe beschäftigt oder ging zur Probe des Tanzensembles der DDR in den Saal des heutigen Varietés Chamäleon. Wo man jetzt im „Oxymoron“ speist, wurden bis 1990 Trabbis repariert.

Im Brockhaus-Stadtführer Berlin von 1966 heißt es: „Eine Vorstellung davon, wie die Bauspekulation durch Ausnutzung des Terrains bis zum äußersten zulässigen Maß Gewinn aus den Eckgrundstücken zog, gibt der Hackesche Hof. Seine Fassade zum Hackeschen Markt im protzig-überladenen Wilhelminischen Stil trägt die Jahreszahl 1907. Dahinter liegen acht Höfe mit einem Gewirr von Quer- und Seitengebäuden, die teils als Wohnungen, teils als Werkstätten dienten“. Nur die Denkmalpfleger wussten das verstaubte Juwel zu schätzen und stellten es 1977 unter Schutz.

Erst Jahre nach der Wende, als die Knäuel der komplizierten Eigentumsverhältnisse entwirrt waren, kamen wohlhabende Zauberkünstler (wie der Immobilien-Unternehmer Roland Ernst) und ließen das Areal von 300 Betrieben aufmöbeln. Der Groß-Investor von damals wurde 2002 wegen Bestechung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die Höfe wurden verkauft und gehören jetzt einer reichen deutschen Familie.

Wie lebt, wie arbeitet es sich in diesem Ensemble? Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagt, die Höfe hätten „all das, wofür auch Berlin als Ganzes steht: Kunst, Kultur und kreative Unternehmen, Weltoffenheit und Vielfalt, Charme und Lebensqualität“. Längst sei der Magnet vom Hackeschen Markt zu einem Aushängeschild der wieder vereinten Stadt geworden. Elisabeth Prantner war eine der ersten Mieterinnen, die Österreicherin findet die Mischung aus Kunst und Kultur ebenso gut wie Birgit Laun, die ihren Laden „Perlin“ nennt – ein Werkstatt-Geschäft voller Perlen aus aller Welt im Hof IV. Getreu dem Motto, hier das Wohnen und Arbeiten zu vereinen, lebt sie auch nach Feierabend in den Höfen. „Schön ist das, aber manchmal etwas nervig. Doch abends Klock zehn fallen die Gitter ins Schloss, „und dann ist hier eine himmlische Ruhe, wie auf dem Dorf“, sagt Astrid Freitag, die nicht nur Mäntel, Jacken, Taschen, Hüte als bunte, lackbeschichtete Gewebe verkauft, sondern auch 110 Stufen in ihre Hofwohnung steigt. „Hier in Mitte ist die Wiedervereinigung real passiert“, sagt sie. Und der Intendant Frank Castorf läuft nurmehr zehn Minuten bis zu seiner Volksbühne, er hat eine der 100 Wohnungen, aber „ganz oben“, genießt diesen tollen Blick über Berlin zwischen Sophienkirche und Synagoge, „und irgendwie ist das hier immer ein bisschen wie Urlaub“.

Gefeiert wird an diesem Wochenende zwischen 12 und 20 Uhr, u.a. mit Modenschauen, Filmen, Artistik und offenen Türen in der Heinrich-Böll-Stiftung (Sa.)

1906/1907

begann der Bau nach Plänen des Bauunternehmers Kurt Berndt und des Architekten August Endell.

1977

Die Höfe verkommen mehr und mehr. Sie werden aber jetzt in der DDR unter Denkmalschutz gestellt und so gerettet.

1995

beginnt die Sanierung. Zu den Mietern gehört heute auch Astrid Freitag (unten).

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