Der 1. Mai 1987 in Berlin : Die Spur der Pflastersteine

Stahlgeschosse treffen Polizeiautos, Läden werden geplündert und gehen in Flammen auf: Der 1. Mai 1987 begründete einen Mythos des Krawalls. Rekonstruktion eines Umsturzes, der am Ende keiner wurde. Unser Blendle-Tipp.

Werner van Bebber
Randale wurde das Wort der Stunde. Mit Steinen und Zwillen wurde die Polizei attackiert. Foto: imago/Peter Homann
Randale wurde das Wort der Stunde. Mit Steinen und Zwillen wurde die Polizei attackiert.Foto: imago/Peter Homann

So ist das, wenn Geschichte gemacht wird. Wer dabei war, hat die Bilder noch 30 Jahre später im Kopf. Farbenstark, lodernd. So ist das nach 30 Jahren mit der Nacht, in der ein paar tausend Bewohner von Kreuzberg Krawall gemacht und ein Ritual begründet haben.

Das Ritual hat verschiedene Namen. Von „Kreuzberger Krawallen“ schrieben die Zeitungen. Von „Randale“ war die Rede. Als „schwere Unruhen“ bezeichnet die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, was unter „Der Erste Mai in Kreuzberg“ erläutert wird. „Es war der erste echte riot, den Berlin erlebte“, heißt es im radikal-linken „Archiv – Der 1. Mai in Berlin“.

Siebzehneinhalb Stunden dauerte der Polizeieinsatz. Laut einer Dokumentation der Sicherheitskräfte wurden 196 Beamte verletzt, außerdem vier Feuerwehrleute. 53 Personen wurden festgenommen. „Zahlreiche Geschäfte geplündert und in Brand gesteckt“, las man im Tagesspiegel, nachdem das Chaos im Tageslicht des 2. Mai zu sehen gewesen war. 34 Läden waren es der Polizei zufolge, darunter ein Bolle-Supermarkt, eine Drogerie, eine Apotheke, ein Getränke Hoffmann. Und ein Wäschegeschäft.

Fotos von damals zeigen schwarz-weiß und grobkörnig Brandruinen. Abgefackelte Autowracks. Verkohlte Bauwagen. Aufgerissene Straßen, Asphaltbrocken. Herumliegende Pflastersteine. Ein Polizist fühlte sich an einen „Kriegsschauplatz“ erinnert.

Der 1. Mai 1987 wurde ein Mythos. In den Jahren danach haben die einen versucht, diesen Mythos wiederzubeleben. Die anderen haben versucht, ihn zu entkräften. So ist das, wenn Geschichte gemacht wird.

Es war ein Frieden auf Zeit

Ein paar Jahre lang war es friedlich geblieben in West-Berlin – gemessen an dem, was ’81 los gewesen war. Damals, zu Beginn des Jahrzehnts, war Häuserkampf. Junge Leute besetzten runtergewohnte Altbauten, in Kreuzberg, Schöneberg und anderswo. Die Polizei holte sie da wieder raus, räumte. Der Protest gegen diese ordnungspolitische Linie war massiv. Es kam immer wieder zu Demonstrationen, die in Gewalt mündeten, zu Anschlägen. Auf der Potsdamer Straße starb ein junger Hausbesetzer, Klaus-Jürgen Rattay. Er war bei einer Demonstration gegen den damaligen Innensenator Heinrich Lummer vor der Polizei davongerannt und unter einen BVG-Bus geraten. Randale wurde das Wort der Zeit.

Die Polizei registrierte im ersten Halbjahr 1981 über 150 Brand- und Sprengstoffanschläge. 1982 gab es acht „unfriedlich“ verlaufende Demonstrationen – und weitere acht Male ereignete sich, was als Randale inzwischen geläufig war. Banken, Geschäfte wurden „entglast“. West-Berlin war in Dauererregung versetzt, Tausende junge Leute waren auf Konfrontationskurs zum Senat gegangen. Dann änderte sich die Politik: Verträge für friedliche Besetzer, dafür keine neuen Besetzungen mehr. 1983 beruhigte sich die Szene. Aber ihre Militanz war trainiert.

Es war ein Frieden auf Zeit. Vier Jahre später, 1987, sah sich die robuste linke Szene mit einer ganzen Reihe strittiger Punkte konfrontiert.

Da war die 750-Jahr-Feier, auf die sich der Senat vorbereitete, mit Festakten und Kunstwerken im öffentlichen Raum, für die plötzlich Geld vorhanden war, während Kreuzberg, die triste Ausbuchtung am Rand der Halbstadt, davon nichts abbekam. Südost 36, der südöstliche Teil des Bezirks, Lausitzer Platz: Gründerzeithäuser, viele in schlechtem Zustand. Eine graue Gegend, Ofenheizungs- und Kohlestaubgebiet. In den Straßen ein Sammelsurium von „Hausprojekten“, in denen ehemalige Besetzer zu Bewohnern wurden. Selbstverwaltete Betriebe. Und Brachen – viele Brachen.

Ronald Reagan sollte nach Berlin kommen - ausgerechnet Reagan

„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“. Worte aus einer anderen Zeit. Sie stehen in einem Mosaik, das den Turm der Emmaus-Kirche verziert. Der Turm aus rotem Backstein hat den Krieg überstanden. Und die Gottverlassenheit dieser Zeit. Es gab Straßenzüge, da war jeder Zweite ohne Arbeit. Von den Jugendlichen im Bezirk hatte jeder Fünfte keinen Job. Der Groll wohnte hier direkt neben dem Revoluzzertum.

Dann war da noch die Volkszählung. Das Polit-Projekt der Bundesregierung stand vor einer Neuauflage. Einmal war die Volkszählung am Bundesverfassungsgericht gescheitert. Jetzt, 1987, einte das Vorhaben Liberale, Linke und Linksradikale darin, „Ungehorsam“ zu zeigen und den Volkszählern die Tür nicht zu öffnen. Im Kreuzberger Mehringhof gab es eine „Initiative“ für den Boykott.

Und dann verkündete der Senat auch noch, dass US-Präsident Ronald Reagan der Stadt persönlich zum Geburtstag gratulieren wolle. Ausgerechnet Reagan, der für aufrechte Linke eine Unperson war. Schon bei seinem Besuch 1982 war er mit einer Straßenschlacht „gefeiert“ worden. Eine Wiederholung war zu erwarten.

Hauke Benner war ein „Autonomer“. 1987 war er Geschäftsführer in einem selbstverwalteten Betrieb und wohnte „gegenüber von Bolle“. Benner spricht über seine Zeit als radikaler Linker offen und vor allem sachlich. Keine Kriegserinnerungen, keine späten Bekundungen von Freude an umgestürzten Polizeifahrzeugen. Benner ist ein freundlicher und ernsthafter Mann, nicht groß, sehr schlank. Die 66 Jahre sieht man ihm nicht an.

Heute wohnt er in einem anderen Teil von Kreuzberg, ist Rentner, Teil einer Wohngemeinschaft in einem ausgebauten Dachgeschoss, hohe Decken, Bodenplatten aus Pressspan, viele Meter Bücher in Holzregalen und ein Sammelsurium von Bierflaschen zur Entsorgung. Er spricht als einer, der damals Teil der Bewegung war, aber er spricht nur für sich. 800 überzeugte Autonome wollte der Staatsschutz damals in Kreuzberg gezählt haben, schrieb der „Spiegel“.

Politisch aktiv ist Hauke Benner immer noch. Aber jetzt geht es um die Vergangenheit. Nicht viele aus dem „schwarzen Block“ von damals sprechen darüber...

Neugierig auf den Rest? Der Text erscheint am 29. April 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin. Nachzulesen ist er auch im Online-Kiosk Blendle.

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