Berlin : Der Aufstieg der Alten

Die Grauen sind in acht Bezirksversammlungen eingezogen. Spitzenkandidat Raeder verspricht Ehrlichkeit

Ariane Bemmer

Der eine, ein frühpensionierter Ex-Betriebsrat, sagt: „Haste jehört, die Grauen haben hier in der Ecke zwölf Prozent.“ Der andere findet: Es hätten viel mehr sein müssen. Dann donnert ein Flugzeug über die Minigolfanlage am Schäfersee, wo die Männer sitzen. Es ist eine Oase im Reinickendorfer Osten, Laub rauscht, Wasser glitzert. Die Männer sind von den großen Parteien enttäuscht, denen könne man nichts glauben.

Keine 20 Meter weiter an der Residenzstraße stehen die pinkfarbenen Plakate: „100 Prozent Ehrlichkeit“. Einer der Sprüche, mit denen die Grauen ankamen. In Hausnummer 109 ist die Zentrale der Partei, die in acht Bezirken künftig mit dabei sein wird. Berlinweit haben sie den Stimmanteil von 1,4 Prozent (2001) auf 3,8 Prozent gesteigert. Parteimitglieder: 600 bis 800, Tendenz steigend. Immerzu klingelt das Telefon, und Spitzenkandidat Norbert Raeder verabredet Interviews, die er gleich nebenan gibt, in der Kneipe „Kastanienwäldchen“, die ihm gehört. Ehrlichkeit! Ein zentrales Anliegen.

Raeder trägt Schnauzer und die Haare vorne kurz und hinten lang, das gehe nicht mehr anders, sagt er, das sei jetzt Erkennungszeichen. Er ist 37 Jahre alt, geboren in Wedding, jetzt seit Jahren Reinickendorfer, er sagt „toll“ und „klasse“, und hat ein wildes Berufsleben: bei Schering gelernt, Pharmazeut gewesen, Reisebüro eröffnet, nach dem 11. September geschlossen, Kneipe übernommen, außerdem hatte er eine Werkstatt und war Chef der Disco „Joe am Wedding“. Da kam er auch zu den Grauen. Um die Sonntagnachmittage zu beleben, habe er damals Tanztees veranstaltet. Es kam nur ein Dutzend ältere Leute, aber die hätten sich mit einer Tafel Schokolade für die Abwechslung bedankt. Das hat Raeder gerührt. Er wollte fortan was für die Alten tun. Das war vor mehr als zwölf Jahren. Nach ihm kamen auch Jüngere zur Partei. „Ich bin der Generationswechsel“, sagt Raeder und lacht, das macht er gerne. Parteigründerin Gertrud Unruh kennt er auch – „Trude und ick“, sagt er.

Die Grauen sind jetzt gespannt auf das, was kommt. Sie wären gerne ins Abgeordnetenhaus gezogen, „dann hätten wir als Erstes unsere Diäten um 30 bis 50 Prozent gekürzt“, sagt Raeder, der im Garten hinter dem „Kastanienwäldchen“ sitzt, wo an der Tür ein Karton mit leeren Flaschen steht, Zeugen der wilden Fete am Sonntagabend. Für die Bezirke haben sie keine solchen Knaller vorbereitet. Sie sind für die Gratis-Kita wie die SPD und für die Gratis-BVG-Nutzung von Senioren, was die CDU aufgebracht habe.

Als er das erste Mal gewählt habe, sagt Raeder, gab er dem SPD-Mann Walter Momper die Stimme, weil der gesagt hat: niemals mit den Grünen. Und was machte Momper? Eine rot-grüne Koalition. „Meine Karriere als Wähler hat mit einer Lüge angefangen“, sagt Raeder, nee, das kann er nicht leiden. Bei ihm dagegen sei alles echt, er lebe das alles, sagt er und zeigt herum. Kiez, Arbeit, Ehrlichkeit, Herz und Schnauze.

Im nahen Einkaufszentrum „Resi“ sagt eine ältere Dame, dass sie die Grauen gewählt habe, weil sonst niemand was für die Rentner tue. Dass der Spitzenkandidat ihr Sohn sein könnte, stört sie nicht. „Die Jungen müssen für die Alten reden“, sagt sie. Denn die Alten kämen nicht mehr zurecht.

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