Berlin : Der Fall Charité: Neue Debatte über humanes Sterben

Politiker, Ärzte und Hospiz-Mitarbeiter fordern ein Umdenken bei der Begleitung von Todkranken

Claudia Keller

Jeder wünscht sich, möglichst schmerzfrei zu sterben, umgeben von lieben Menschen. Ist ein solches, humanes Sterben in unseren Krankenhäusern möglich? Wie könnten, wie müssten die Umstände sein, damit das Ende des Lebens so würdevoll, so menschlich wie möglich sein kann? Der Fall der Krankenschwester Irene B., die zwei todkranken Patienten im Universitätsklinikum Charité tödliche Überdosen eines Medikaments verabreichte, hat eine neue Debatte über Sterbehilfe und humanes Sterben ausgelöst.

Noch ist nicht bekannt, welche Beweggründe die Krankenschwester der kardiologischen Intensivstation hatte, die beiden 77- und 64-jährigen Männer, für die es keine Heilungschancen mehr gab, zu töten. Bei der Vernehmung hat sie sich nach Angaben der Ermittler zwar zu ihren Motiven geäußert, die Staatsanwaltschaft teilt aber bisher nichts Näheres mit. Äußerungen von Kollegen und Nachbarn von Irene B. deuten darauf hin, dass die 54-Jährige aus Mitleid mit den Patienten gehandelt haben könnte. Nach Aussage einer Kliniksprecherin will der Direktor der Klinik für Kardiologie, Gert Baumann, seine beschuldigte frühere Mitarbeiterin nun im Gefängnis treffen und mit ihr über die Vorwürfe sprechen und sie zu einem vollen Geständnis bewegen.

„Das Thema Sterben muss enttabuisiert werden“, sagt Marlies Wanjura, CDU-Bürgermeisterin von Reinickendorf. Sie war selbst 30 Jahre lang Krankenschwester, bevor sie in die Politik wechselte. „Wie wollen wir sterben? Was lohnt sich an intensivmedizinischer Behandlung? Was nicht?“ Diese Fragen müssten in der Gesellschaft breit diskutiert werden. Bisher sei die Behandlung von Patienten in Krankenhäusern nur auf das Heilen ausgerichtet, das Sterben werde ausgeblendet. Der Tod eines Patienten bedeute im Selbstverständnis der Ärzte, dass sie versagt haben.

Aktive Sterbehilfe lehnt Wanjura aber strikt ab. „Wir würden den Menschen die Chance nehmen, ihr Leben Revue passieren zu lassen und bestimmte Dinge noch einmal auszusprechen.“ Wie die christlichen Kirchen wünscht sie sich statt aktiver Sterbehilfe aktive Sterbebegleitung und mehr Palliativmedizin, die nicht das Verlängern der Überlebenszeit um jeden Preis in den Vordergrund der Behandlung stellt, sondern die Lebensqualität und die Wünsche der Sterbenden. Diese Art der Medizin sei aber teuer, sagt Wanjura. „Wir müssen uns fragen, ob wir bereit sind, nicht nur für die tolle Herztransplantation viel Geld auszugeben, sondern auch für humanes Sterben“, sagt Wanjura. Dazu gehöre auch, dass Krankenschwestern und Ärzte psychologisch unterstützt werden. „Sie können nicht jahrelang schwerstkranke Menschen betreuen, ohne selbst betreut zu werden.“

Dafür müsse sich die Krankenhauskultur in Deutschland grundsätzlich ändern, sagt Günther Jonitz, der Präsident der Berliner Ärztekammer. Die Entwicklung gehe in eine andere Richtung. Die Krankenhäuser würden immer mehr an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen, nicht mehr an ihrer Menschlichkeit. „Humanes Sterben ist in vielen Bereichen eine Illusion. Auch Ärzte und Krankenschwestern werden zu Verschleißartikeln.“ Sie würden schlecht verdienen, die Arbeitsbedingungen seien miserabel, länger als sechs, sieben Jahre hielten dies wenige durch.

Für Dorothea Becker, Geschäftsführerin des Neuköllner Ricam-Sterbehospizes, ist die mangelnde Kommunikation zwischen Ärzten und Krankenschwestern das Hauptproblem in Kliniken, wenn es um den Umgang mit Sterbenden geht. Sie hat wie Marlies Wanjura selbst viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet. „Schwestern haben oft eine ganz andere Sicht auf den Zustand der Patienten als Ärzte.“ Oft würden Krankenschwestern die Intensivmedizin als gewaltsam erleben. Ärzte würden in der Regel alles medizinisch Machbare versuchen, um sich nicht dem Vorwurf der Angehörigen auszusetzen, sie hätten etwas versäumt.

Die Schwestern hingegen seien oft der Meinung, dass es unwürdig sei, einen Patienten weiterzubehandeln, wenn er schon im Sterben liege. „Über diese unterschiedlichen Ansichten müssen sich Ärzte, Schwestern und Angehörige hierarchiefrei austauschen können“, sagt Becker. „Wo nicht geredet wird, handelt jeder in eigener Regie.“ Viele Schwestern würden dann auch eingreifen, indem sie Medikamente weniger oder stärker dosierten. Studien hätten allerdings gezeigt, dass dies weniger aus Mitleid mit den Patienten geschehe als aus Mitleid mit sich selbst. Deshalb fordert Becker: „Wo dauernd Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden, muss es eine Supervision von außen geben.“

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