Berlin : Der König ist zu Hause

Skulptur Friedrichs des Großen zurück in Berlin – liebevoll restauriert von einem polnischen Bildhauer.

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Berlin - Friedrich, der Große Friedrich, blickt feldherrlich über seine linke Schulter in die Ferne. Streng sein Gesicht unterm Dreispitz, Stiefel-Stulpen bedecken die Knie, die Uniform ist zerknittert. Der Bildhauer hat seinem König einen weiten Mantel über die Schultern gelegt und so die Figur des kleinen, 1,62 Meter großen Alten Fritz überhöht: Hier, in weißem Marmor, misst er zwei Meter siebzig. Und dann ist da dieser Feldherrnstab, auf den sich der Monarch stützt und unter dem zwei Folianten liegen: „Artis pacis et belli“ steht auf dem einen, also „Die Kunst des Friedens und des Krieges“, und auf dem anderen „Corpus juris Friderici“ - Friedrich als Gesetzgeber. Weiß, weise und in Marmor. Bald, am 1. Dezember, werden in einem feierlichen Akt die Hüllen um das Denkmal im Kleinen Kuppelsaal des Bode-Museums fallen. Bewundernswert ist die Geschichte der Figur allemal – es ist die Story von Vergängnis und Wiedergeburt. Nein, das ist nicht irgendein Denkmal. Es ist versteinerte Zeit- und Kunstgeschichte, und wo Friedrich II. ist, ist am Ende immer auch Politik mit im Spiel, so oder so.

Anno 1786 stirbt Fridericus Rex, sechs Jahre später beginnt der Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow mit der Arbeit am ersten öffentlichen Denkmal für den Preußenkönig. Den Auftrag gaben ihm die pommerschen Landstände, 1793 wird das Kunstwerk in Stettin enthüllt. Es gilt als eins der vier Hauptwerke Schadows, neben der Quadriga vom Brandenburger Tor, der Prinzessinnengruppe und den Denkmälern für zwei Generäle, den Alten Dessauer und Zieten, den Mann, der aus dem Busche kam. 84 Jahre später, 1877, muss das Original durch einen Bronzeabguss ersetzt werden – schon damals taten Umwelt und saurer Regen dem Stein offenbar nicht gut. Marmor-Friedrich wird in die Eingangshalle des Ständehauses verschoben und hat nun ein Dach über dem Kopf, aber als Bomben und Granaten des Zweiten Weltkrieges fallen, verschwindet der König hastig in den Kellern von Schloss Wildenbruch im heutigen Polen. Dabei rollt der König die Kellertreppe hinunter, verliert seinen Kopf, zerbricht in mehrere Teile.

Friedrich der Gefallene, Kaputte und am Ende Verschollene. Lädiert sind Beine, Arme, Sockel, Hals, Schwert, Marschallstab. Erst Anfang der neunziger Jahre werden die Reste des Mannes, der zu den geschichtlichen Hassfiguren der Polen gehört, von der Stadtverwaltung dem Nationalmuseum von Stettin übergeben. „Nur durch einen Zufall erfuhr ich, dass die Stettiner die Absicht haben, den Alten Fritz zu restaurieren“, sagt Klaus Gehrmann, der Geschäftsführer der Schadow-Gesellschaft. Und so kommt es, Schadow und Friedrich zuliebe, zu einer engen polnisch-deutschen Restaurierungskooperation: Der junge Breslauer Bildhauer Ryszard Zarycki nimmt die Figur in seine Obhut, fährt nach Italien und entdeckt in Carrara einen Marmor mit vergleichbarer Beschaffenheit jenes Steins, den Schadow einst verwendet hatte. Friedrich blüht auf unter polnischen Händen, und dann, 2011, rollt ein Transporter in Breslau vor Zaryckis Atelier, verstaut die drei Tonnen schwere Figur und fährt nach Berlin zum Bode-Museum. Der König ist, wenn auch nur gastweise, wieder zu Hause, um ihn herum stehen seine Generäle (auch von Schadow) – als käme er zur Lagebesprechung. Und blickt dabei auf eine Marmorkopie der Königsstatue: Friedrich der Zweite auf der Museumsinsel.

Etwa 110 000 Euro hat das Gemeinschaftswerk gekostet. „Dazu gehörten neben der Verlagerung des Originals von Stettin nach Breslau und dann nach Berlin auch der Transport des aus der Berliner Gipsformerei nach Breslau geschafften alten Gipabgusses, der dem Bildhauer als Vorbild diente“, sagt Jürgen Klebs, der Vorsitzende der Schadow Gesellschaft. In das Lob für Können und Sachverstand der polnischen Partner schließt er die 225 privaten deutschen Sponsoren und Stiftungen mit ein: 60 000 Euro haben sie zum neuen Schadow-Friedrich beigesteuert. Der neue König darf erst einmal in Berlin bleiben. Er erlebt seinen 300. Geburtstag am 24. Januar 2012 und Johann Gottfried Schadows 250. am 20. Mai 2014 im Bode-Museum. Erst danach kehrt die Leihgabe zurück ins Stettiner Nationalmuseum, wieder etwas gealtert, aber so frisch wie am ersten Tag. Lothar Heinke

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