Berlin : Der Kulturverführer

Peter Raue holte die MoMA-Schau nach Berlin. Der Chef der „Freunde der Nationalgalerie“ lebt für die Kunst. Für anderes gibt er kaum Geld aus

Fatina Keilani

Die Putzfrauen müssen dieses Zimmer hassen. Überall steht, hängt, liegt, lehnt etwas. Eine Glühbirne mit zwei Drähten unten dran, das ist die „Capri-Batterie“ von Joseph Beuys. Steckt man die Drähte in eine Zitrone, dann leuchtet die Glühbirne. Die „Capri-Batterie“ liegt in Raues Büro offen herum, neben anderem. Eine Düsseldorfer Putzfrau hatte Beuys’ Fettecke ja vor Jahren mal für Unrat gehalten und entsorgt. Solche Erlebnisse hatte Peter Raue nicht. Nur einmal wurde eine Fotografie durch das falsche Putzmittel ruiniert, das war aber auch alles – recht wenig gemessen daran, dass hier, in Raues Kanzlei, auf vier Stockwerken 600 Kunstwerke versammelt sind.

Peter Raue, der Vorsitzende des Vereins „Freunde der Nationalgalerie“, ist der Mann, der die MoMA-Ausstellung nach Berlin holte. Er lebt für die Kunst, das kann man wohl so sagen; er ist ihr Anwalt im doppelten Sinn. Seine Mandanten sind Künstler, ihnen und ihrer Kunst verhilft er zum Recht und zur Geltung. Ein Satz wie „Kultur gehört zum Leben“ macht ihn rasend, weil er die Kunst zum Beiwerk degradiert. Fast erwartet man, seine Fliege werde sich gleich wie ein Propeller drehen als Ausdruck seiner Erregung. Die Haare stehen ihm auch so zu Berge. Kunst gehört zum Leben, pah! Kunst ist das Leben.

„Gehört zum Leben“, mit diesem Slogan wirbt das Kulturradio des RBB für sein neues Programmschema. „Das ist eine Kulturkatastrophe“, schimpft Raue. „Ich frage mich, warum der Aufschrei nicht gehört wird. “ Bei allen politisch brisanten Themen gebe es geteilte Meinungen, sei es das Kopftuch, die Homo-Ehe oder sonst was. Nur hier seien sich alle einig, er jedenfalls kenne wirklich niemanden, dem das neue Programm gefalle. Es gebe Hörerproteste, Unterschriftenlisten, aber der Sender tue, als gehe ihn das nichts an. Raue verfasste einen Text für den Tagesspiegel, der überschrieben war mit „ein Wutanfall“ und eine Menge zustimmender Leserbriefe zur Folge hatte. Diese Schlacht gibt der Anwalt trotzdem verloren. „Was sich dort im Sender abspielt, ist grotesk“, sagt er. „Der Protest wird keine Folgen haben.“

Kunst und Leben sind für ihn das gleiche, für anderes gibt er kaum Geld aus. Für guten Rotwein höchstens noch, für Restaurants, in die er geht, „mit meiner Liebsten“, wie er sagt. Auch hier alles im Rahmen; das Paar rennt nicht in die Sternetempel, sondern steuert immer wieder drei, vier Stammlokale an, darunter Paris Bar, Borchardt, Ciao, Manzini. „Ich habe nur eine Mietwohnung, keine Häuser im Tessin“, sagt Raue. „Ich habe Bücher, Bilder und gebe sehr viel Geld für unser Kulturleben aus. Ich gehe ins Theater, fahre zu den Festspielen.“ Er fährt einen Smart, teure Anzüge oder Schuhe kauft er nicht. Und seine Armbanduhr? Sieht doch irgendwie wertvoll aus? „Ja, ja, die habe ich für 80 Euro im Flugzeug gekauft“, winkt er ab. „Ist ganz schön, nicht?“

Das MoMA in Berlin, das ist ein Coup, aber nicht Raues erster. Vor ziemlich genau 15 Jahren, von Januar bis März 1989, holte er mit den „Freunden der Nationalgalerie“, deren Vorsitzender er schon seit 27 Jahren ist, die Ausstellung „60 Meisterwerke aus der Solomon R. Guggenheim Foundation“ nach Berlin. „Das war ein irrsinniger Erfolg“, erinnert er sich heute. Damals kamen in zwei Monaten gut 200000 Besucher. Diesmal ist alles noch ein paar Nummern größer, mehr als dreimal so viele Besucher werden gebraucht, damit das Großunternehmen sich trägt. Dafür ist aber auch mehr Zeit als damals, das MoMA bleibt schließlich bis Ende September.

Die Schlangen vor dem grellrosa Ticketcontainer sind seit dem Start der Schau lang; von seinem Büro im neunten Stock des Kollhoff-Hauses am Potsdamer Platz kann Raue sie nicht sehen, von der Terrasse der Kanzlei aus schon. „Herrlich“ findet er das. 700000 Leute müssen kommen, damit der Verein die Kosten wieder drin hat. 8,5 Millionen Euro kosteten Leihe und Transport der 212 Werke sowie der Druck von Katalog und Postkarten. Für die Versicherung sprang der Staat ein. Auf rund zwei Dutzend Flüge wurden die Werke verteilt, falls mal ein Flugzeug abstürzt.

Das Wagnis begann vor zwei Jahren in einer Schöneberger Kneipe, wo Raue mit seinem Freund Glenn Lowry saß, dem Direktor des Museum of Modern Art. „Was machste eigentlich, wenn du umziehst?“, fragte Raue und meinte: Was machst du mit der Kunst, wenn in zwei Jahren dein Museum renoviert wird? Lowry hatte Pläne, aber in denen kam Berlin nicht vor. Er wollte die Werke auf drei Stationen in Europa und in Japan zeigen. Hier schlug Raues Stunde. Man kann sich vorstellen, wie er, der Schnellredner, der Geistreiche, der Charmeur, den großen Entwurf ausmalte: Nur eine Station könne es geben, nur Berlin und nur die Neue Nationalgalerie, den Mies van der Rohe-Bau. „Dann haben wir das Spinnen angefangen“, sagt Raue und man darf vermuten, er hat einfach mal Mister Lowry einzuspinnen begonnen.

Mies, der vor den Nazis nach New York flüchtete und der in New York beinahe den Auftrag für einen MoMA-Erweiterungsbau bekommen hätte – wenn jetzt das MoMA in den Mies-Bau käme, welche Symbolik! Und dann noch den Broken Obelisk vor die Tür, der zuvor vor dem Seagram Building in New York stand, einem Mies-Bau. Das wäre es doch! Und für die Werke sei das im übrigen auch viel besser, wenn sie nicht so viel reisen müssten. Das Happy End ist bekannt.

So ist Raue. Wirft eine Idee aus, Großformat, und charmiert alle, bis sie Feuer fangen. Die Abwicklung können dann die Experten machen. Immer wieder nennen sie ihn einen Strippenzieher. Das mehrfach schon angetragene Amt des Kultursenators hat der 64-Jährige stets abgelehnt. Schon aus Eitelkeit. Kritik könne er wahrscheinlich nicht gut vertragen, mutmaßt Raue. Er habe es doch gut: „Ich kann machen, was ich will, und sagen, was ich denke – herrlich.“ Und Eitelkeit zu befriedigen, das gelingt ihm so ohnehin viel besser.

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