Der Lärm der Großstadt : Berlins Schall und Raum

Es werden wieder Mauern gebaut in Berlin. Diesmal sind es Lärmschutzwände. Die Stadt ist hellhörig geworden. Man beschwert sich. Zieht vor Gericht. Dabei ist Krach nicht eine Frage des Pegels, sondern der Wahrnehmung. Entdecken Sie hier in unserer interaktiven Grafik die Geräusche der Großstadt.

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Eine Sinfonie? Oder eher Zumutung? Aus der Tinnitus-Forschung weiß man: Bloß nicht drauf fixieren. In der Bewertung von Schall sind nur 30 Prozent der Lautstärke zuzuschreiben. Die Wahrnehmung macht aus Geräuschen Lärm. Foto: Mike Wolff
Eine Sinfonie? Oder eher Zumutung? Aus der Tinnitus-Forschung weiß man: Bloß nicht drauf fixieren. In der Bewertung von Schall...

Derart selten, aber zugleich derart erstrebenswert ist offenbar die Stille in Berlin, dass sogar das Finanzamt sie als besonders förderungswürdig anerkennt. Der Verein „Förderkreis Raum der Stille in Berlin“, vor zwanzig Jahren gegründet, ist deshalb ermächtigt, für Spenden Steuerbescheinigungen auszustellen.

Um einmal akustisch nichts zu erleben, betreten etwa 70 000 Besucher im Jahr im Herzen der Stadt, im Nordflügel des Brandenburger Tores, den „Raum der Stille“. Sie lassen zwei Türen als Schallschleusen hinter sich und setzen sich auf einen der Stühle, die sich vor einem Bild zum Halbkreis gruppieren. Der Berliner Bär steppt hier nicht. Absätze klackern entfernt. Das Klingeln der Fahrradrikschas ist kein Konsumangebot mehr. Leise, aber regelmäßig zittert der Raum, wenn die U-Bahn unter dem Tor in Richtung Kanzleramt fährt.

Man kann hier gut darüber nachdenken, was eigentlich in Berlin gefahren ist. Lärm scheint eine Obsession zu werden. Die Senatsverwaltung für Umwelt erhielt unlängst unter www.leises.berlin.de innerhalb von vier Wochen 3000 Vorschläge von Bürgern, wie man den Lärm in der Stadt verringern könnte. „Fluglärmgegner“ geht bald als eigener Beruf durch.

Das SO36 ging beinahe pleite, als ein langjähriger Nachbar auf eine 100 000 Euro teure Lärmschutzwand bestand. Nach dem Knaack-Klub vor zwei Jahren schlossen wegen Anwohnerbeschwerden noch weitere Clubs in Pankow. Und mit dem „Kater Holzig“ und dem „Lichtpark“ haben sich gerade sogar zwei Clubs gegenseitig Lärmbelästigung vorgeworfen. Trotzdem ist es immer noch so, dass einem Berlin, wenn man aus jeder anderen europäischen Metropole zurückkehrt, oasenhaft ruhig erscheint.

Die ehemalige Vizepräsidentin der größten akustischen Vereinigung der Welt, Expertin der Lärmwirkungsforschung, in Berlin lehrende Professorin mit Schwerpunkt Psychoakustik, arbeitet in Charlottenburg. Brigitte Schulte-Fortkamp sprengt mit ihrer Eleganz das Zimmer TA 362 der TU Berlin.

Solidarität mit dem SO36
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1 von 6Foto: Jörg Zeipelt
29.07.2009 08:29Kultstätte. Der legendäre Punk-Club SO36 in der Kreuzberger Oranienstraße ist von der Schließung bedroht. Mit dem kämpferischen...

Sie hat es auch bemerkt. Berlin ist hellhörig geworden. Die Stadt schläft schlecht. Man beschwert sich. Man zieht vor Gericht. Es werden wieder Mauern gebaut; diesmal sind es Lärmschutzwände. Da ist der Zorn der Leute, aufbrausend wie früher nur die Orgeln.

Aus der Tinnitus-Forschung weiß man: Bloß nicht drauf fixieren. Aber in Berlin scheint genau das zu passieren. Die Stadt, deren Laute gestern noch eine Sinfonie genannt wurden, scheint heute eine Zumutung. Die gestiegene Aufmerksamkeit steht in keinem Verhältnis zum gestiegenen Pegel. Handelt es sich also um eine nationale Fixierung auf die deutsche „Ruhestörung“? 

„Wir sind über den neuen Flughafen ja alle zu Experten geworden“, sagt Schulte-Fortkamp. Experten für Dezibel, Flugrouten, Windrichtungen – und vergessen dabei, dass Lärm nicht eine Frage des Pegels ist. Schall kann man messen. Aber Lärm ist Schall, der stört. Aber wann stört ein Geräusch? Warum stört es den einen und den anderen nicht? In der Bewertung von Schall seien knapp 30 Prozent der Lautstärke zuzuschreiben, „der Rest ist die Verarbeitung“, sagt Schulte-Fortkamp. Wer Lärm erforschen will, muss die Wahrnehmung erforschen.

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