Berlin : Der Mann aus dem Sumpf

Otto Schwanz ist tot. Der frühere Bordell-Betreiber brachte den Antes-Skandal in Schwung – und die CDU in Verlegenheit

Bernd Matthies

Einer wie Otto Schwanz wird gern zum König ernannt – das klingt in den Überschriften der Boulevardzeitungen einfach am besten. Doch Otto Schwanz, der „Bordell-König" der 70er Jahre, musste vor der Zeit schmählich abdanken. Alles verprasst, alles verloren, sechseinhalb Jahre Haft, später wegen Fälschung von BVG-Wertmarken noch einmal vier Jahre Knast, ein Restleben von der Stütze. Jetzt ist Schwanz, der als Schlüsselfigur der Antes-Affäre Mitte der 80er Jahre auch außerhalb des Milieus bekannt wurde, im Alter von 63 Jahren an Krebs gestorben.

Ein König? Bestenfalls ein Königs-Darsteller, urteilten Vertraute, die ihn gut kannten in seiner besten Zeit. Einer, der sich hochgearbeitet hat, der an der Theke den Luden machen konnte wie kein anderer, große Sprüche, große Autos, große Goldketten zum offenen Hemd. Und natürlich bemuskelt genug, jedem auf die Zwölf zu hauen, der pampig wurde. Ein West-Berliner Dinosaurier, der unten an der Straße die Touristen abfegte und auch sonst jede schnelle Mark mitnahm, aber immer sorgsam darauf achtete, den wirklich Großen nicht in die Quere zu kommen. Dass er finanziell immer auf Kante stand, das machte nichts, solange er nur draußen als Erfolgsmensch galt; erst als er im Antes-Sumpf versank, wurde offenkundig, dass er längst pleite war, nichts auf die Seite gelegt hatte in den fetten Zeiten.

Dieses Schicksal teilte er mit seinem Mentor Hans Helmcke, dem ersten Berliner auf dem Thron des Bordellkönigs nach dem Krieg. Otto Schwanz, gelernter Fliesenleger, hatte bei Helmcke als Leibwächter angefangen. Der galt als Branchengröße, weil er mit Hut und Seidenschal über die Potsdamer Straße flanierte und die Pension Clausewitz, den legendären Puff, zu Ruhm brachte. Als er 1973 von einem Hamburger Rivalen ermordet wurde, rückte Schwanz nach, eröffnete Clubs mit eindeutig-zweideutigen Namen wie „Me and You“, „Mireille“, dann den „Blauen Engel“ im Europa-Center, wo er gern im Smoking mit seinen 25 Girls aus allen Kontinenten posierte. Garantie für die Kundschaft: Es handele sich nur um „Anfängerinnen, denen Otto das Einmaleins selbst beigebracht hat“. Gut war offenbar auch sein Kontakt zur Polizei, der ihn vor unerwarteten Razzien schützte, und er prahlte immer wieder mit Beziehungen zur CDU, deren Mitglied er eine Zeit lang war.

Doch auch weit früher hatte er kaum etwas ausgelassen. Bordell-König wird man nicht von ungefähr, Bordell-König muss man üben: Zehn Vermerke, angefangen 1957, standen im Strafregister, als es 1984 ernst wurde, Dinger, die man eben so drehte im Milieu wie die Zuträgerdienste für die „Stempel-Bande", die mit falschen Papieren Einrichtungsdarlehen einsackte. Seltsam fanden die Ermittler auch, dass 1983 4500 Kartons mit Nordhäuser Doppelkorn unverzollt vom Moabiter Hauptzollamt verschwanden, Schnaps, den Schwanz dank guter Beziehungen zum DDR-Handel herangeschafft hatte.

Das Ende dieser Karriere begann mit den intensiven Kontakten, die Schwanz zum damaligen Charlottenburger Baustadtrat Wolfgang Antes pflegte. Der „Blaue Engel“ , längst pleite, war 1981 am Vorabend der Zwangsräumung unter seltsamen Umständen ausgebrannt, neue Einkommensquellen mussten her, und da kam das „Café Europa“, ebenfalls im Europa-Center unten am Wasserklops, gerade recht. Schwanz trug 50 000 Mark – gepumptes Geld aus der Beleihung eines florierenden Asylbewerberwohnheims – im Köfferchen ins Stadtratsbüro, Gegenleistung für den Pachtvertrag des Cafés. Zum Zuge kam ein unbekannter Bewerber, für den sich Antes schon geraume Zeit stark gemacht hatte – ein Strohmann von Otto Schwanz.

Das Ende nahte, als die Ermittlungen der Polizei 1984 Fahrt aufnahmen. „Berlin lässt seinen Schwanz nicht hängen“, unkte der AL-Abgeordnete Wolfgang Wieland, der sich seinerzeit im Untersuchungsausschuss erste rhetorische Sporen verdiente, doch er lag falsch. Antes wurde zu fünfeinhalb, Schwanz zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Den komischen Nachnamen hat er nie verändert, seiner Mutter zuliebe. In deren Grab wird nun auch seine Urne bestattet.

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