• Der Name ist ein Synonym für den "Käfer" - die Töchter sind auch mit einem PS erfolgreich

Berlin : Der Name ist ein Synonym für den "Käfer" - die Töchter sind auch mit einem PS erfolgreich

Katja Füchsel

Das Automobil bestimmte sein Leben. Was davor war, wird vermutlich für immer im Dunkeln bleiben. Bei seinen beiden Töchtern jedenfalls gibt es unterschiedliche Theorien zur Vergangenheit von Eduard Winter. "Vorher hat mein Vater Kaffee verkauft", sagt die älteste Tochter in der VIP-Lounge der Trabrennbahn Mariendorf. Die Jüngere plaudert derweil mit ihrem Tischnachbarn - bis dann plötzlich ihr Kopf herumschnellt. "Was? Papa hat mal Kaffee verkauft? Papa hat doch nie Kaffee verkauft!" sagt Madeleine Winter-Schulze lachend.

Aber auch sonst sind die beiden heutigen Inhaberinnen der Firma "Eduard Winter" nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die 60-jährige Marion Jauß trägt die Haare lang und schwarz, die 58-jährige Madeleine Winter-Schulze kurz und blond. Jauß begegnet Fremden verschlossen. Winter-Schulze lebhaft-interessiert. Jauß verfolgt lieber das Rennen auf der Leinwand. Winter-Schulze das Gespräch am Tisch. Und doch eint die beiden Frauen eine Leidenschaft. Seit früher Kindheit teilen die Schwestern ihre Begeisterung für den Reitsport. "Ja, wir verstehen uns gut, oder? Es gibt doch immer etwas zu erzählen. Oder was meinst du?" fragt die 58-Jährige ihre Schwester. "Ja", sagt Marion Jauß kurz und blickt dann wieder auf die Rennstrecke.

Der Sitz in der VIP-Lounge dürfte den Winter-Töchtern auf Lebenszeit gesichert sein. Und das nicht nur, weil ihre Firma zu den Hauptsponsoren der Trabrennbahn Mariendorf gehört. Vielmehr zählen die beiden Schwestern zu den erfolgreichsten Frauen im deutschen Reitsport. "Ich fahre selbst Trabrennen. Bin unter anderem Weltrekordlerin und Deutsche Meisterin", sagt Marion Jauß, die Ex-Frau des bei einem Verkehrsunfall kürzlich ums Leben gekommenen Trabrennfahrers Gottlieb Jauß. Ihre jüngere Schwester reitet seit zwei Jahren keine Turniere mehr. Der Anspruch des Vaters, sagt Madelaine Winter-Schulze, sei nicht mehr zu halten gewesen. "Mein Vater sagte immer: Wenn du etwas machst, dann mach es richtig."

Das dachte sich Eduard Winter offenbar auch, als er 1925 sein erstes Automobilgeschäft eröffnete. Schon damals hat der in Rostock geborene Geschäftsmann erkannt, welche sagenhafte Zukunft das Automobil auf Deutschlands Straßen haben wird. Heute ist "Eduard Winter" mit seinen 20 Standorten in und um Berlin zum Synonym für VW geworden. Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 1000 Mitarbeiter, verkauft im Jahr 6000 Gebrauchtwagen und 7000 Neuwagen. "Wir wollen in Richtung 10 000 Neuwagen spazieren", sagt Geschäftsführer Uwe Marahrens. Neben dem Automobilgeschäft handelt die Eduard-Winter-Gruppe noch mit Immobilien, besitzt die Tochterfirma Coca-Cola Braunschweig und einen Anteil an einer zentralen Auto-Ersatzteilversorgung. 1998 erwirtschaftete das Unternehmen einen Jahresumsatz von 725 Millionen Mark.

Mit 30 Jahren hatte Eduard Winter unter den Linden sein erstes Automobilgeschäft mit den Marken Buick, Chevrolet und Cadillac von General Motors eröffnet. Zusätzlich übernahm Eduard Winter 1930 die Opel-Vertretung für Groß-Berlin. Aus wirtschaftlichen und politischen Erwägungen verkaufte er 1938 seine beiden Automobilvertretungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Eduard Winter schließlich Generalvertreter für Volkswagen und Porsche; 1954 eröffnete er am Kurfürstendamm, Ecke Knesebeckstraße, seinen bekannten VW-Verkaufssalon. War der Mann, dessen Name fortan in Berlin für den Käfer stand, denn selbst ein Autonarr? "Nein, unser Vater war ein Kaufmann", sagen die Töchter.

Ein Kaufmann, der sich am Wochenende gerne bei einem Ausritt im Berliner Grunewald von der Arbeit entspannte. Als seine Töchter neun und elf Jahre alt waren, setzte er sie ebenfalls aufs Pferd - und bekam sie nicht mehr herunter. Zweimal wurde Madelaine Winter-Schulze Deutsche Meisterin im Springreiten, einmal im Dressurreiten. Eduard Winter konnte an ihrem Triumpf nicht mehr teilhaben. "Als ich 1959 meine erste Meisterschaft gewann, war er gerade gestorben", sagt die Reiterin, die heute noch die Nationalequipe betreut.

Als Uwe Marahrens 1997 bei "Eduard Winter" in die Chefetage aufstieg, wurde der 39-Jährige von Madeleine Winter-Schulze auf ihre Art empfangen: "Von Autos verstehe ich zwar nichts", soll die Inhaberin gesagt haben. "Aber wenn Sie mal ein Problem mit der Firma haben sollten: Rufen Sie mich an." Sie selbst hatte 1959 in dem väterlichen Unternehmen angefangen und im Laufe der Jahre fast alle Abteilungen durchlaufen. "Bei der Personalabteilung bin ich dann hängengeblieben." Bis Madeleine Winter-Schulze 1979 dann mit ihrem Mann einen Reiterhof bei Hannover übernahm und sich fortan auch beruflich auf den Reitsport konzentrierte. Heute reitet für das Gestüt des Ehepaares Ludgar Beerbaum; die Firma Winter ist Hauptsponsor des Springreiters.

Nach dem Tode von Eduard Winter wurde die Firma nach dem Willen des Verstorbenen in eine Familien-KG umgewandelt. Was die Liebe zu Berlin angeht, so liegen die heutigen beiden Geschäftsführer ganz auf der Linie des Firmengründers. "Unser Standbein ist und bleibt Berlin, schließlich haben wir hier eine alte Tradition", sagt Marahrens. Allerdings fällt bei dem Winter-Geschäftsführer nicht nur der Blick in die Vergangenheit, sondern auch in die nahe Zukunft recht rosig aus. Denn jeder neue Berliner ist für "Winter" ein potentieller Kunde. "Und im Umfeld des Regierungsumzuges werden in den nächsten fünf Jahren eine Menge neuer Gesichter hinzukommen."

Marion Jauß hat wie ihre Schwester der Stadt schon vor vielen Jahren den Rücken zugekehrt. Nach ihrem Abitur hatte sie zunächst im Betrieb des Vaters als Praktikantin gearbeitet. Ihr Geld verdiente die Publizistikstudentin dann aber als freie Journalistin: "bei der Welt, B.Z., für Pferde- und Autofachzeitschriften". Mit der Geburt ihres ersten Kindes fand die journalistische Karriere ein Ende. Heute lebt die 60-jährige Trabrennfahrerin auf ihrem Reiterhof in Holstein. Auf den Sulkie kam die Mutter von zwei Kindern übrigens eher zufällig. 1971 nahmen die Schwestern auf der Trabrennbahn Mariendorf an einem "Prominenten-Rennen" teil. Monika Jauß gewann den ersten Preis und blieb fortan bei den Trabern. Für die kleine Schwester blieb es ein Spaßausflug. "Ich bin anschließend lieber sofort zurück in den Pferdestall gerannt."

Wer sich heute in den Verkaufssalons und Werkstätten der Firma umhört, findet nur schwer jemand, der noch "den alten Winter" kannte. Doch man sagt, dass er sich nicht in seiner Chefetage verschanzt und für seine Mitarbeiter immer ein offenes Ohr gehabt habe. Und wohl sehr hilfsbereit gewesen sei. Madeleine Winter-Schulze beteuert, dass der Vater noch heute ihr eigenes "großes Vorbild" sei. "Schließlich hat er uns so abgesichert, dass wir dieses wunderbare Leben führen können", sagt die jüngste Winter-Tochter. Dann steht sie auf, um ihren Termin vor der Tribüne nicht zu verpassen. "Die Siegerehrung des vierten Rennens wird von Frau Winter-Schulze vorgenommen", hallt es aus den Lautsprechern.

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