Berlin : Der nasse Tod im S-Bahn-Tunnel

Kurz vor Kriegsende wurde die Decke unter dem Landwehrkanal gesprengt

Lars von Törne

Es ist eine der rätselhaftesten Tragödien der letzten Kriegstage. Was genau geschah, ist bis heute ungeklärt. Man kennt die Täter nicht, auch wie viele Menschen ums Leben kamen, konnte bislang kein Historiker zweifelsfrei klären. Und wann sich das Ereignis zutrug, weiß man auch sechzig Jahre später nur ungefähr.

Es geschah, so viel ist sicher, zwischen dem 27. April und dem 2. Mai 1945 im Tunnel der Nord-Süd-Bahn im Berliner Stadtzentrum. Der Bericht einer Augenzeugin, aufgeschrieben vor zehn Jahren von dem Journalisten Alexander Osang, gibt eine Version wieder: Die Frau hatte sich, wie Tausende von Zivilisten und Soldaten, Anfang Mai vor den Angriffen der Roten Armee in die S-Bahn-Tunnel zwischen Anhalter Bahnhof und Friedrichstraße geflüchtet. „Am Morgen hörte Helga Ruske den dumpfen Knall“, heißt es bei Osang. „Eine dreiviertel Stunde später kam das Wasser. Viele flüchteten in leere S-Bahn-Waggons. Hunderte ertranken.“ Später erfuhr sie, dass die SS den Tunnel gesprengt habe. Vielleicht wurde der Tunnel aber auch bereits am 27. April von regulären deutschen Einheiten auf dem Rückzug gesprengt, wie es der Historiker Klaus Scheel in seinem DDR-Standardwerk „Die Befreiung Berlins 1945“ schreibt. Er gibt die Zahl der Ertrunkenen mit 83 an. Andere wiederum sprachen von einer Katastrophe mit „schätzungsweise 1-2000 Leichen“, wie es im August 1945 in einem Schreiben des Bestattungsamtes Kreuzberg heißt. Diese Zahlen erwiesen sich später als unhaltbar, ebenso wie die gegenteilige Behauptung, die sich in Erich Kubys Buch „Die Russen in Berlin“ findet: „Kein Mensch ist hier ertrunken.“

Bislang am überzeugendsten hat das Geschehen die Wissenschaftlerin Karen Mayer in ihrem Buch „Die Flutung des Berliner S-Bahntunnels“ zusammengefasst. Unstrittig ist, dass die Sprengung professionell durchgeführt wurde und es sich nicht um einen Unfall oder Bombentreffer handelte. Die ungefähre Anzahl der Opfer ist mit ein- bis zweihundert als realistisch anzunehmen. Nach Auswertung aller Zeugenberichte glaubt Meyer , dass sich die Tragödie wohl erst am 2. Mai oder kurz danach ereignete.

Wer die Katastrophe zu verantworten hat, ist nach Meinung der Forscherin nicht mehr zu beantworten. Ob und von wem ein Befehl zur Sprengung kam und welche Motive dazu führten, lässt sich nicht klären. Die wiederholt geäußerte Vermutung, die SS habe den Tunnel gesprengt, um ein Vorrücken der Roten Armee zu verhindern, erscheint Karen Meyer nur wenig plausibel. Sie findet das Gegenteil nahe liegender: dass die Rote Armee die letzten deutschen Widerstandsnester „ausspülen“ wollte. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass die sowjetische Armee in jenen Tagen kaum in der Lage war, die benötigte enorme Sprengladung in dem Tunnel anzubringen. Am Ende ihres Buches schreibt die Autorin: „Ob sich noch einmal Licht in die Sache bringen lässt, sei dahingestellt.“ 13 Jahre nach dem Erscheinen des Buches muss heute noch dasselbe gesagt werden.

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