Berlin : „Der Stress einer natürlichen Geburt ist gut für das Kind“

Immer mehr Frauen wünschen, dass ihr Baby per Kaiserschnitt entbunden wird. Der Gynäkologe Michael Abou-Dakn ist über diesen Trend besorgt

Herr Abou-Dakn, gibt es einen Trend hin zum Kaiserschnitt?

Mit Sicherheit: Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Anzahl der Kaiserschnitte weltweit fast verdoppelt, mittlerweile liegt ihr Anteil bei rund 30 Prozent aller Geburten.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen hat sie damit zu tun, dass sich die Einstellung gegenüber Kaiserschnitten innerhalb der Bevölkerung verändert hat: Der Eingriff hat den Schrecken einer großen Operation verloren, wurde banalisiert und wird mittlerweile als mögliche Alternative zu einer normalen Geburt angesehen. Dazu haben sicherlich auch die vielen Prominenten beigetragen, die sich bewusst und öffentlich für einen Kaiserschnitt entschieden haben, nach dem Motto: „Ich bin zu vornehm, um zu pressen.“ Zum anderen gab es auch unter Medizinern die – meiner Meinung nach falsche – Annahme, dass man mit einem Kaiserschnitt den Kindern etwas Gutes tun würde. Es wurden also plötzlich viele Indikationen für einen Kaiserschnitt entwickelt, die vorher gar kein Thema waren.

Bei welchen Problemen empfiehlt sich heute eine Entbindung per Kaiserschnitt?

Zum Beispiel bei einer bestimmten Lage des Kindes, wie die Beckenendlage, bei der nicht der Kopf des Kindes führt, sondern sein Po. Als ich vor 25 Jahren begonnen habe, in der Gynäkologie und Geburtshilfe zu arbeiten, wurde das noch als normale Geburt genommen. Dann setzte sich die Ansicht durch, dass es für die Kinder schlechter wäre, auf diese Weise geboren zu werden. Heute wissen wir, dass es nicht schlechter ist. Daher wird in diesem Punkt auch versucht, die Entwicklung rückgängig zu machen und Geburten mit Beckenendlage wieder als normale Geburten zu behandeln.

Ist der Trend zu mehr Kaiserschnittgeburten eine gute Entwicklung?

Insgesamt betrachte ich das eher mit Besorgnis. Allerdings muss man hier differenzieren. Meiner Meinung nach gibt es verschiedene Indikationen zum Kaiserschnitt: Zum einen die Kaiserschnitte, die ohne Wenn und Aber medizinisch begründet sind, zum Beispiel wenn das Kind quer liegt oder es im Verhältnis zum Becken der Mutter zu groß ist. Zu dieser Gruppe gehören auch die akuten Kaiserschnitte, die sogenannten Notfallkaiserschnitte, die durchgeführt werden, wenn die Gesundheit von Mutter oder Kind akut gefährdet ist.

Laut Qualitätssicherung soll bei einem Notfallkaiserschnitt zwischen der Entscheidung zur Operation und dem Eingriff nicht mehr als 20 Minuten vergehen.

Das hat meiner Meinung nach nichts mit Medizin zu tun: Wenn ein Kind im echten Notfall mehr als 20 Minuten braucht, bis es geboren ist, ist das schon sehr gefährlich. Die Zeitangabe geht eher auf Gerichtsentscheidungen zurück, in denen diese 20-Minuten-Grenze in Kunstfehlerprozessen definiert wurde. Diese Einteilung ist daher mehr eine juristische. Ich denke ohnehin, dass die sogenannten Entschluss-Entbindungszeiten in einer Großstadt wie Berlin nicht einmal annähernd bei 20 Minuten liegen sollten – schließlich sind die Kliniken hier sowohl mit Personal als auch mit Technik so gut ausgestattet, dass im Notfall jederzeit eine Operation möglich ist.

Neben medizinisch notwendigen Kaiserschnitten gibt es auch noch Wunschkaiserschnitte. Was ist das?

Einige Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt, weil sie aufgrund von Fehlinformationen, zum Beispiel über ein schief stehendes Becken, glauben, nicht normal gebären zu können. Andere Frauen haben aufgrund früherer Geburtserfahrungen Angst vor einer weiteren natürlichen Geburt. Diesen Frauen versuchen wir zu helfen, indem wir sie informieren und begleiten. Einen fragwürdigen Wunsch nach einem Kaiserschnitt ohne jeglichen medizinischen Grund sehe ich bei diesen Frauen allerdings nicht. Ich sehe ihn aber bei den Frauen, die sich aus rein organisatorischen Gründen eine Schnittentbindung wünschen, zum Beispiel, weil ihr Mann am errechneten Geburtstermin einen anderen wichtigen Termin wahrnehmen muss. Diese lehnen wir ab. Wer ein Kind bekommt, sollte aufgeben, das Leben bis zur letzten Minute planen zu wollen, von Stunde zu Stunde kann ein Kind alles umwerfen. Und das ist gut so!

Was spricht medizinisch gegen einen Wunschkaiserschnitt?

Ein Kaiserschnitt ist und bleibt ein schwerwiegender medizinischer Eingriff, eine Operation, die auch Risiken mit sich bringt. Auf Seiten der Frauen ist das zum einen ein erhöhtes Thromboserisiko, zum anderen können Wundheilungsstörungen und Infektionen auftreten, Organe können verletzt werden. Auch ist selbstverständlich der Blutverlust bei einem Kaiserschnitt höher als bei einer normalen Geburt. Das eigentliche Hauptproblem ist aber nicht der erste Kaiserschnitt, sondern die nächste Schwangerschaft: In einigen Fällen nistet sich der Mutterkuchen dann falsch ein, zum Beispiel direkt in die Narbe in der Gebärmutter. Er lässt sich dann später nicht mehr richtig lösen oder die Narbe bricht während der Geburt auseinander – eine lebensgefährliche Situation sowohl für die Mutter als auch für das Kind.

Welche Risiken bestehen für das Kind?

Je früher ein Kaiserschnitt vor dem eigentlichen Geburtstermin vorgenommen wird, umso größer ist das Risiko, dass die Lungenreife des Kindes noch nicht weit genug fortgeschritten ist und es nicht richtig atmen kann. So seltsam das klingt, aber auf das Kind, auf seine Lungenreife und seine Entwicklung, scheinen der Weg durch den Geburtskanal, der Stress, den es dabei hat und die Hormone, die dabei ausgeschüttet werden, positive Auswirkungen zu haben.

Kann ein Kaiserschnitt auch psychische Auswirkungen haben?

Einige Frauen klagen nach einem Kaiserschnitt über Depressionen – anscheinend bedeutet eine normale Geburt für das Selbstwertgefühl einen unglaublichen Schub, auch wegen der Glückshormone, die dabei ausgeschüttet werden.

Wie verhält es sich mit dem Bindungsverhalten von Mutter und Kind?

Mittlerweile wissen wir, dass, wenn man Fehler im Krankenhaus vermeidet, sich auch nach einer Kaiserschnittgeburt schnell das natürliche Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind einstellt. Daher trennen wir Mutter und Kind möglichst nicht, sondern bringen das Kind nach der Operation sofort zu den Eltern, legen es zum Beispiel der Mutter auf die Brust, damit sie mit ihm schmusen kann.

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