Berlin : DER THEORETIKER

Jörn Schütrumpf ist Historiker und Geschäftsführer des Karl Dietz Verlags.



Immer berichtet die Presse nur über unsere Sammlung der Marx-Engels-Werke in 43 Bänden, die sogenannten „MEW“. In den letzten Jahren wurde das richtig zum Event gemacht, dass es da immer noch einen Verlag gibt, der das herausgibt, dass die MEW seit der Finanzkrise sogar richtig erfolgreich sind. Für mich war das vollkommen in Ordnung. Immerhin haben die Leute dadurch mitgekriegt, dass das „Kapital“ von Marx und Engels immer noch lesbar ist – und dass es äußerst aktuell ist. Zur Zeit verkaufen wir doppelt so viele Marx-Bände wie vor 2008.

Der Karl Dietz Verlag ist aus dem Dietz Verlag hervorgegangen, den die SED gegründet hatte. Ob es wichtig ist, dass die MEW auch heute noch in diesem Verlag erscheinen? Ja, finde ich schon. Denn wie das beim Erben so ist: Man muss entscheiden, was fortgeführt werden kann. Der Dietz Verlag hat zu großen Teilen sinnloses und giftiges Zeug veröffentlicht, mitunter wirklich Dreck, auch darüber ist immer wieder zu reden. Aber daneben gab es dann eben doch die MEW und dann noch die Rosa-Luxemburg-Ausgabe, die wir ebenfalls weiterführen.

Die Luxemburg verkauft sich nicht so gut hier in Deutschland. Hier interessieren sich alle immer nur für ihre Leiche, aber global ist das vollkommen anders. Wir haben ja ständig weltweit mit den Marx- und Luxemburg-Herausgebern zu tun. Die Chinesen übersetzen gerade die Marx-Engels-Gesamtausgabe, einfach so. Und in Lateinamerika kommt man auf eine Konferenz und die Leute schmeißen mit Rosa-Luxemburg-Zitaten nur so um sich.

Viele Leser beginnen mit dem „Kapital“ und kaufen dann allmählich die anderen Bände zu. Aber rechnen kann sich der Druck vieler Bände natürlich nur langfristig, über eine Zeitspanne von zehn, zwölf Jahren hinweg, in der ab und zu mal ein Leser ein Buch kauft. Mehr gelesen werden könnte für mich der Band 8, der „Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, das ist der beste Politiktheorietext von Marx und auch sprachlich das schönste seiner Bücher. Wer das gelesen hat, der liest die Zeitung anders. Der merkt: Es hat sich eigentlich nicht so viel geändert in den letzten 160 Jahren. Es macht durchaus Spaß, diese ganzen Sachen genau jetzt zu den Leuten zu bringen. Wir alle hier im Verlag sind froh, dass wir das machen können – wir sind in einem Alter, in dem wir erfahren sind. Vieles erkennt man eben erst ab einer gewissen akkumulierten Bildung. An bestimmten Brisanzen bin ich vor zwanzig, dreißig Jahren, als ich das auch schon hätte sehen können, einfach vorbeigegangen. Da fehlte mir einfach noch zu viel Hintergrund.

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