Der Tourismus boomt : Berlin, so ausgebucht wie noch nie

Die Hauptstadt freut sich über eine Rekordzahl an Touristen, die hier viel Geld ausgeben – und will sie noch etwas mehr zur Kasse bitten. Ab Ende dieses Jahres, so plant Klaus Wowereit, sollen Privatbesucher einen Aufschlag von fünf Prozent auf Hotelkosten zahlen.

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Entschuldigen Sie, Sie stehen mitten im Bild. Gar nicht so leicht, ein Foto vom Brandenburger Tor zu machen, wenn ständig Menschen durchs Bild laufen.
Entschuldigen Sie, Sie stehen mitten im Bild. Gar nicht so leicht, ein Foto vom Brandenburger Tor zu machen, wenn ständig Menschen...Foto: dpa

Flughafen-Debakel, Finanznot in den Bezirken – unerfreuliche Konflikte für den Regierenden Bürgermeister. Am Freitagvormittag jedoch konnte sich Klaus Wowereit (SPD) mal wieder einem rundherum erfreulichen Thema widmen. „Der Berlin-Tourismus entwickelt sich prächtig“, verkündete er gut gelaunt anlässlich des 20-jährigen Bestehens der „Berlin Tourismus & Kongress GmbH“, kurz visit Berlin. Die Berlin-Werber hatten eingeladen, um ihre Aktivitäten und den kräftigen Aufwärtstrend bei den Besucherzahlen seit Gründung des Unternehmens zu dokumentieren. So hat sich die Zahl der Gäste von drei Millionen im Jahr 1993 auf geschätzte über elf Millionen bis Ende 2013 fast vervierfacht. Von diesem Zulauf profitieren auch Berlins Geschäfte: Alleine im ersten Halbjahr 2013 wuchsen die Einzelhandelsumsätze laut Statistischem Landesamt um 8,1 Prozent.

In den Jubelchor zu „Berlins Tourismus-Erfolgsgeschichte“ stimmte auch Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) ein. 2013 sei Berlin mit mehr als 26 Millionen erwarteten Übernachtungen von Touristen und Kongressgästen bis zum Jahresende so gut ausgebucht wie noch nie, teilte sie mit. Tourismus und das Kongressgeschäft sicherten inzwischen knapp 280 000 Arbeitsplätze.

Übernachtungszahlen steigen um 9,8 Prozent

Alleine von Januar bis Juni stiegen die Übernachtungszahlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 9,8 Prozent. Und die Zahl der Gäste nahm mit 5,3 Millionen um fünf Prozent zu. „Mit solchen Zuwächsen liegt Berlin europaweit an der Spitze, weit vor allen anderen Großstädten“, sagt Visit-Berlin-Chef Burkhard Kieker. Nur Paris und London haben unterm Strich noch mehr jährliche Touristenübernachtungen, an der Seine sind es 36 Millionen, an der Themse sogar 48 Millionen. Aber während die Zahlen dort stagnieren, arbeitet sich Berlin stetig vor.

Bis 2016 sollen jährlich 30 Millionen Menschen in Berlin übernachten

Senat und visit Berlin rechnen mit einem jährlichen Wachstum von fünf Prozent, bis 2016 will man 30 Millionen Übernachtungen erreichen. Ein realistisches Ziel? Für Kieker „auf jeden Fall“. Er untermauert dies mit dem Zuwachs bei den Hotelbetten. 1993 gab es in Berlins Herbergen rund 36 000 Gästebetten, zurzeit sind es 130 000 – und bis 2016 sollen noch 20 000 Betten hinzukommen. Aktuell sind die Herbergen trotz des verschärften Wettbewerbes im Durchschnitt zu 53 Prozent ausgelastet, für Kieker ein „gutes Ergebnis“. Die Investoren im Hotelgewerbe gingen davon aus, „dass Berlin das Beste noch vor sich hat“. Kieker: „Schon jetzt gehören wir zu den vier wichtigsten Kongressstädten weltweit.“

Berlin bei Nacht
Von der Luisenstraße in Mitte aus hat Sascha Sebastian Haenel den Einschlag eines Blitzes in den Spreebogen fotografiert. Die Aufnahme gelang ihm in der unruhigen Nacht zum 24. Mai 2016. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Nachtfotos an leserbilder@tagesspiegel.de!
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1 von 340Foto: Sascha Sebastian Haenel
25.05.2016 08:31Von der Luisenstraße in Mitte aus hat Sascha Sebastian Haenel den Einschlag eines Blitzes in den Spreebogen fotografiert. Die...

Als die GmbH zur Tourismuswerbung vor 20 Jahren gegründet wurde, hieß sie noch „Berlin Tourismus Marketing“ (BTM). Weg vom angestaubten Fremdenverkehrsamt, hin zum professionellen Tourismusmarketing, lautete damals die Devise. Der Anfang war zäh, doch ab dem Jahr 2000 „kam alles dann so richtig in Fahrt“, blicken die Beteiligten zurück. Auch dank des von visit Berlin zusätzlich zusammengerufenen „Runden Tisches Tourismus“, an dem sich regelmäßig Vertreter vieler Branchen treffen, die von Berlins Gästen profitieren – vom Taxigewerbe über die Gastronomie bis zum Einzelhandel.

Dort wurden schon etliche geschäftsfördernde Ideen geboren. Zum Beispiel, Berlin als „Wintertraum“ zu verkaufen, mit romantischen Weihnachtsmärkten und Illuminationen. Seither sind die kalten, einst besucherschwachen Monate besser gebucht. Oder der „Bahn Hit Berlin“, wie ein ganz neues Angebot heißt. Wer drei Übernachtungen in der Hauptstadt bucht, bekommt die Hinfahrt per Bahn gratis dazu. Kieker: „Das Interesse daran nimmt rasant zu.“

"Keine Stadt auf der Welt wird derzeit so gehypt"

Visit Berlin hat zurzeit rund 180 Mitarbeiter und wirtschaftet mit einem 16-Millionen-Jahrestetat. Sieben Millionen kommen aus dem Landeshaushalt, den Rest verdient das landeseigene Unternehmen selbst, unter anderem durch den Verkauf der Berlin Tourismus Card oder seinen Buchungsservice für Hotels und Kulturveranstaltungen. Visit-Berlin-Botschafter bemühen sich weltweit, Kongresse nach Berlin zu holen, andere Experten sind derzeit gezielt in China, Brasilien, in Australien, Israel, Russland oder asiatischen Ländern im Einsatz, um dort Interesse an Berlin zu wecken. Erste Erfolge sind schon sichtbar (siehe Grafiken).

„Keine Stadt auf der Welt wird derzeit so gehypt. Die Sympathie für Berlin spürt man überall auf der Welt“, freute sich denn auch Klaus Wowereit anlässlich des Jubiläums. Berlin fasziniere als Stadt, „die sich von der DDR-Diktatur befreit und neu erfunden hat. Wo dies authentisch erfahrbar ist“.

Um die Touristenwerbung finanziell noch mehr zu unterstützen, will der Senat wie berichtet eine City-Tax einführen. Private Berlingäste sollen fünf Prozent auf den Hotelpreis zahlen. Man erhoffe sich jährliche Einnahmen von etwa 20 Millionen Euro, sagte Wowereit, die Hälfte davon solle dann in verschiedenste Projekte gesteckt werden, von Imagekampagnen bis zu neuen touristischen Leitsystemen. Derzeit wird die City Tax im Abgeordnetenhaus beraten. Wowereit hofft, dass sie „spätestens Ende des Jahres kommt“.

Bei den Gästen aus Deutschland, die derzeit 58,1 Prozent aller Berlinbesucher ausmachen, liegt das Durchschnittsalter bei knapp über 40 Jahren. „Viele gut situierte, bürgerliche Touristen aus anderen Bundesländern kommen hierher, weil sie die Berliner Kultur und Geschichte genießen wollen“, sagen die Tourismus-Werber. Insgesamt besuchten im ersten Halbjahr 2013 rund 3,4 Millionen Deutsche die Hauptstadt. Bei den ausländischen Gästen sinkt das Durchschnittsalter je nach Land teils stark ab, extrem vor allem bei Israelis. Bei der jungen Generation des Landes ist Berlin ausgesprochen populär. Nur zwanzig Jahre sind die israelischen Gäste im Durchschnitt alt.

1200 Gäste pro Stunde in Berlin

Täglich halten sich nach Angaben von visit Berlin 500 000 Besucher in Berlin auf. Das sind statistisch gesehen 1200 pro Stunde. Die halbe Million Berlinbesucher könnten pro Tag in 580 Reisebussen oder 160 Flugzeugen anreisen. 60 Prozent der Berlinbesucher kommen nach ihrem ersten Besuch später noch mindestens ein Mal wieder.