Berlin : Der Traum von Berlin ist endlich aus

Nach 70 Jahren besuchte Peggy Hönigsberg, Tänzerin im Theater des Westens, ihre Heimatstadt

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Von Tanja Buntrock

Zuerst der Kulturschock. 70 Jahre ist es her, dass Peggy Hönigsberg ihre Heimatstadt Berlin nicht mehr gesehen hat. Als sie vor ein paar Tagen dann den Ku’damm entlangfuhr, habe sie fast der Schlag getroffen. Der Grund: die Buddy Bären. „Was sollen diese grässlichen Dinger hier nur?“, fragt sie sich noch Tage später in ihrem Hotelzimmer, reißt die großen braunen Augen auf und schimpft auf die bunten Bären, die in der ganzen Innenstadt verteilt sind.

Überhaupt, enttäuscht sei die 95-Jährige gewesen, von dem, was hier als City-West bezeichnet wird: „Vereinfacht, verbaut, verbilligt“, kommt ihr alles vor. Erst als sie vor dem Theater des Westens in der Kantstraße stand, beruhigte sich ihr Gemüt wieder. Schließlich war Peggy Hönigsberg Anfang der 20er Jahre Statistin in einer Revue mit Stars wie der jungen Marlene Dietrich oder Josephine Baker. Letztere imitierte Peggy Hönigsberg schon mit 16, um sich ihr erstes Geld zu verdienen. „Ich trat in Vorstadtkinos auf, hatte auch solche Bananen umgehängt.“ Olivefarben sei ihre Haut damals noch gewesen, die pechschwarzen Haare verschaffte sie sich mit Hilfe einer Perücke. „Ich sah aus wie eine Mulattin.“

In Berlin geboren, verbringt sie ihre Kindheit im zaristischen und revolutionären Russland. Ihre musikalische Begabung fällt zuerst ihrer Lehrerin auf. Ein Gedicht sollen die Siebenjährigen damals auswendig lernen. Für die kleine Peggy eine Qual. Die Zeilen wollen ihr einfach nicht in den Kopf. Da schnappt sie sich daheim das Buch, stellt es auf ihr Klavier und fängt an, eine Melodie zu den Zeilen zu komponieren. „Das Gedicht habe ich dann am nächsten Tag singend vorgetragen“, erinnert sich Hönigsberg.

Die Lehrerin rät den Eltern kurz darauf, das Kind auf ein Konservatorium zu schicken. Das kann Peggy allerdings nur kurz in Moskau besuchen, 1920 zieht die Familie wieder nach Berlin. Dort studiert sie Klavier, spielt mit ihrer Freundin heimlich Jazz, wenn der Professor nicht da ist.

Nach den ersten Statisten-Jobs verdient sie ihr Geld mit Jazz- und Schlagerimprovisationen am Klavier. Als „Lil and Peggy Stone“ oder „Stone Sisters“ tingelt sie mit wechselnden Partnerinnen durch Kleinkunstbühnen in Europa. Mit ihrem ersten Ehemann, einem Geiger, setzt sie sich 1933 nach Bialystok ab. Später schlägt Peggy sich nach Moskau durch, nachdem ihr zweiter Mann von den Kommunisten verhaftet und deportiert wird. Die Kriegsjahre verbringt sie damit, mit einem Orchester durch Sibirien und den Kaukasus zu reisen, um die Armee und Landbevölkerung zu unterhalten. Mit ihrem dritten Ehemann wandert sie 1954 nach New York aus.

Dort lebt sie immer noch, mitten in Manhattan, Upper Westside. Den Traum, Berlin noch einmal wieder zu sehen, habe sie auch nach dem Tod ihres Mannes vor über 20 Jahren nicht aufgegeben. „Aber ich kannte niemanden in Berlin, wollte mir das allein nicht antun.“ Erst als die Radiojournalistin Regine Beyer, die ein Buch über Peggy schreibt, vor einigen Monaten aus New York zurück an die Spree gezogen ist, wird der Wunsch zur Wirklichkeit. Nun hatte die alte Dame jemanden, den sie in Berlin besuchen konnte und der bereit war, ihr die Stadt nach all den Jahren zu zeigen.

Dass sie das Theater des Westens noch einmal betreten würde, war selbstverständlich. Für das Musical „Evita“ gab’s sogar Ehrenkarten, Blumensträuße und ein Buch über das Theater mit Widmung vom Intendanten. „Die Logen habe ich kaum wiedererkannt, weil sie jetzt offen sind, und der Saal kam mir viel größer vor“, findet Hönigsberg. Dafür hatte sie die Bühne irgendwie ausgeprägter in Erinnerung.

Dass sie, die New Yorkerin, ausgerechnet am 11. September, am Jahrestag der Anschläge aufs World Trade Center, nicht in ihrer neuen, sondern alten Heimatstadt ist, habe ihr für einen Moment leid getan. Aber die Reise war nicht anders zu planen.

Trotz der zwei Weltkriege, die Peggy Hönigsberg miterlebt hat, empfindet sie die Terroranschläge als „einmalige Tragödie“. Am Anfang habe sie gedacht, es laufe ein Actionfilm im Fernsehen. Erst als Staub und Ruß auch durch ihre Fensterritzen krochen – obwohl ihre Wohnung weit entfernt ist vom Anschlagsort – habe sie realisiert, dass es wahr war, was dort passierte.

Doch an diesem 11. September trieben ihr nicht die Erinnerungen an die Anschläge die Tränen ins Gesicht. Diesmal war es der Anblick eines Wohnhauses in der Gervinusstraße: Jenes Haus, in dem sie als Jugendliche mit ihren Eltern gelebt und – wie sie findet – die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbracht hat.

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