Berlin : DER ÜBERSETZER

Fotos: Kai-Uwe Heinrich, Kitty Kleist-Heinrich, Thilo Rückeis, Doris Spiekermann-Klaas, Mike Wolff (4), Paul Zinken
Fotos: Kai-Uwe Heinrich, Kitty Kleist-Heinrich, Thilo Rückeis, Doris Spiekermann-Klaas, Mike Wolff (4), Paul Zinken

Wolfgang Tschöke ist Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Übersetzer – unter anderem von Cyrano de Bergerac, Voltaire, Choderlos de Laclos („Gefährliche Liebschaften“) und Émile Zola. Seine Übersetzung der Rabelais-Romane wird beim Berliner Galiani Verlag erscheinen.



Ich übersetze die fünf „Gargantua“-Romane von François Rabelais vollständig neu – eine Herausforderung, wie man sie sich nur einmal im Leben sucht. Rabelais, das ist eben der größte französische Schriftsteller, in allen Belangen auf einer Höhe mit Shakespeare, Dante, Cervantes.

Ich bin Romanist und Germanist, und ich habe bereits viele große Autoren aus dem Französischen übertragen. Da lebt man immer im Schatten dieses Giganten Rabelais. Alles, was in der französischen Sprache möglich ist, führt auf seine Romane des 16. Jahrhunderts zurück. In Deutschland bekommt man oft gesagt: Rabelais ist unübersetzbar! Ein halbes Leben reicht da nicht! Ich mache mich trotzdem daran, inklusive aller Recherchearbeiten.

Rabelais war ein äußerst gebildeter Renaissance-Humanist, Theologe, Mediziner, dem aufgrund seiner Sprachkenntnisse Rückgriffe auf die antiken lateinischen, griechischen und hebräischen Autoren möglich waren, und der mit allen möglichen literarischen Deutungsebenen spielt, Sturzbäche von Wortspielen loslässt. Hohe Literaturformen füllt er lustvoll mit den vulgärsten Inhalten. Vom „Arschwisch“-Kapitel muss ich gar nicht erzählen, da reichen Herrlichkeiten wie jenes Kapitel, in dem ganze Völker entdeckt werden, die im Mund des Sohnes von Gargantua leben. Das alles im sogenannten Mittelfranzösisch, einer Sprachstufe zwischen dem alten und dem klassischen Französisch. Sie ist auch zum Teil seine eigene Schöpfung. Selbst Franzosen können die Texte heute nicht mehr einfach lesen.

Es kommt vor, dass ich einen ganzen Tag mit einem einzigen Ausdruck verbringe. Diese fortwährende Beschäftigung färbt auch auf einen selbst ab. Im Grunde waren die Menschen im 16. Jahrhundert in einer ähnlichen Lage wie wir heute: Europa erfuhr damals die Folgen der ersten Globalisierung. Ich kann mich längst nicht mehr aufregen über all die panischen Zeitungsartikel. Ich denke dann an Rabelais und weiß: Das haben wir alles schon mal gehabt.

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