Berlin : DER WÖRTERSAMMLER

Michael Niedermeier habilitierte sich 2007 in Germanistik an der TU Berlin. Seit 2000 ist er Leiter der Arbeitsstelle „Goethe-Wörterbuch“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.



Unser Ziel ist das Jahr 2025. Dann wird das Gesamtvorhaben beendet sein, dann erscheint der Buchstabe „Z“ unseres Goethe-Wörterbuchs. Die Arbeit an diesem Großwörterbuch hat dann fast achtzig Jahre gewährt, im Jahr 1947 hat die Akademie der Wissenschaften damit begonnen. Das Buch liefert Einträge zu jedem einzelnen Wort, das von Goethe überliefert ist. Es handelt sich dabei um ein überwältigendes Quellenmaterial, zudem ist Goethes Wortschatz vom Umfang her einfach jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Zum Vergleich: Shakespeare besaß einen überlieferten Wortschatz von 20 000 Worteinheiten, Luther kam auf etwa 25 000. Von Schiller ist ungefähr eine ähnliche Größenordnung dokumentiert. Bei Goethe sind es weit über 90 000! Er war unglaublich aufnahmefähig, besaß ein großartiges Gedächtnis – und interessierte sich schlichtweg für so ziemlich jedes Wissensgebiet und jedes Thema seiner Zeit.

Wenn wir die Verwendung aller von Goethe gebrauchten Wörter aus dem Nachlass komplett aufschlüsseln, dann ist das zum einen eine wichtige Grundlagenarbeit zu diesem bedeutendsten deutschsprachigen Autor. Zum anderen kommen wir so ganz unmittelbar an den sogenannten „Sprachstand“ der Zeit zwischen 1760 und 1830 heran – das sind genau die Jahre, in denen sich unser heutiges Deutsch ausgebildet hat. Insgesamt gibt es für die Arbeit am Goethe-Wörterbuch im Akademienprogramm in Hamburg viereinhalb, in Tübingen vier sowie in Leipzig und hier in Berlin zusammen achteinhalb Wissenschaftlerstellen. Jeder Autor bearbeitet pro Jahr etwa 5000 Belege – darunter finden sich dann vielleicht hochinteressante und für Goethes Denken bedeutende Wörter wie „Metamorphose“ oder „Revolution“", mal aber auch ganz normale Massenwörter wie „noch“ oder „machen“, für die dann überwiegend konzentrierte Fleißarbeit nötig ist.

Vor allem aber gleicht die Arbeit an einem solchen Grundlagenwerk einer Ermunterung zum aktiven Leben. Goethe war ein Mann, der intensiv beobachtete, dem alles interessant erschien, der mit wachen Augen die Welt betrachtet hat. Man wird sehr demütig, wenn man sich lange mit ihm beschäftigt. Wir sind inzwischen beim Buchstaben „R“ angekommen. Und haben noch viele Entdeckungen vor uns.

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