Berlin : Der Zauberkasten

Es begann als Pionierpalast und ist heute Deutschlands größtes Kinderprojekt: Das FEZ wird 25

Stefan Jacobs

Die Glastüren, der Terrakottaboden im Foyer, die steinernen Treppenstufen – sie sehen fast wie neu aus. Genau 25 Jahre ist es her, dass Erich Honecker den Pionierpalast „Ernst Thälmann“ in der Wuhlheide eröffnet hat. Seitdem haben etwa 25 Millionen Kinder die gläsernen Eingangstüren aufgestoßen, sind 50 Millionen Füße über Bodenfliesen und Treppenstufen getrappelt – auf dem Weg zur Arbeitsgemeinschaft Schiffsmodellbau, in den Chor, zum Webkurs (mit langem e!), zur Theatergruppe, in die Schwimmhalle mit ihren 50-Meter-Bahnen, zum Konzertsaal oder ins Kosmonautenzentrum mit der nachgebauten Sojus-Rakete.

Wer nicht in den Palast wollte, ließ Drachen im Park steigen oder die Füße in den Springbrunnen hängen oder war Schaffner bei der Schmalspurbahn, die Gäste beispielsweise vom Haupteingang zum Badesee brachte. Ein Projekt wie der Pionierpalast konnte wohl nur in der DDR entstehen – und war doch in seiner Opulenz zugleich ihr Gegenteil. Sogar die eigens für den 180 Millionen Mark teuren „Pipala“ designten Stühle waren bequemer als die, auf denen man in der Schule saß.

An diesem Freitag gibt es eine große 25Jahre-FEZ-Party. Der Pionierpalast hat überlebt – unter Bedingungen, für die er nicht geschaffen war. Woher all die schönen Dinge kamen – vom Tropenholz für Flugzeugmodelle bis zu den Bauelementen für elektronische Schaltungen – gehört zu den großen Geheimnissen, die die DDR mit in ihr Grab genommen hat. Sie waren einfach da, wenn man nach der Schule in den „Pipala“ ging, und gekostet haben sie die Benutzer meistens auch nichts: Sie müssen einfach im Jahresetat von damals schlichtweg unvorstellbaren 15 Millionen DDR-Mark enthalten gewesen sein. Aus dem wurden auch die Pädagogen bezahlt, die aus dem ganzen Land angelockt und mit Wohnungen in Berlin versorgt wurden.

Die Wende machte aus dem Pionierpalast das Freizeit- und Erholungszentrum FEZ – mit nur noch 86 statt 360 Mitarbeitern. Veranstaltungen hießen nicht mehr „Sing mit, Pionier!“, sondern beispielsweise „Hallo Kinder – Seid Erfinder!“ Nicht alle der fast 300 Arbeitsgemeinschaften haben überlebt; manche Veranstaltungen kosten neuerdings Eintritt. Das FEZ aber ist in der Bundesrepublik immer noch eine einmalig erfolgreiche Einrichtung, die jedes Jahr von über einer Million Gästen besucht wird. Wenn irgendwo die vielbeschworenene Errungenschaften des Ostens mit den Vorteilen des Westens vereint wurden, dann hier: Statt deutsch- sowjetischem Freundschaftstralala gibt es nun Sprach- und Länderwochen, bei denen die große weite Welt auch für die Kleinen greifbar wird. Im Kosmonautenzentrum ist die Sojus-Kapsel an die Seite gerückt worden, um Platz zu schaffen für ein originalgetreues Modul der Raumstation ISS samt Kontrollzentrum. Dort vergnügt sich das Kind des Managers ganz selbstverständlich mit dem der arbeitslosen Eltern. Die beiden wären sich sonst wohl nie begegnet. Und wenn sie öfter kommen, haben sie gute Chancen, dabei einiges für später zu lernen. Schon mancher Ingenieur oder Profi-Fotograf hat als Knirps in der Wuhlheide angefangen.

Mittlerweile verteilt das FEZ seine Themenhefte an alle Kitas und Schulen in Berlin und Brandenburg. Es ist Ansprechpartner Nummer eins für Lehrer, die ihren Schülern zeigen wollen, wie der Pfeffer wächst oder wie der Geldkreislauf funktioniert. Alles ist möglich, denn was nicht im Programm steht, kann verabredet werden. Das klamme Land Berlin weiß, was es am FEZ hat und steckt jährlich fünf Millionen Euro in die Wundertüte. Den Rest steuern vor allem Sponsoren bei.

Die 25-Jahr-Feier am Freitagabend ist übrigens nur für Erwachsene. Mit den Kindern wird ja sonst jeden Tag gefeiert.

FEZ, An der Wuhlheide 197, Oberschöneweide (Köpenick), Infos unter 53071504 oder online: www.fez-berlin.de

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