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Deutsches Herzzentrum : Manipulation bei Organvergabe in Berlin?

Im Deutschen Herzzentrum entdeckten Prüfer bis zu 28 auffällige Vorgänge: Möglicherweise kam es im Vorfeld von Transplantationen zu Unregelmäßigkeiten. Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet.

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Begehrt. Fast nur Patienten, die auf der High-Urgency-Liste stehen, haben die Chance auf ein Spenderorgan.
Begehrt. Fast nur Patienten, die auf der High-Urgency-Liste stehen, haben die Chance auf ein Spenderorgan.Foto: dpa

Im Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) haben Prüfer mehrere Transplantationen beanstandet. Nach Tagesspiegel-Informationen sollen Patienten zwischen 2010 und 2012 hoch dosierte, herzstärkende Medikamente bekommen haben, ohne dass dies ausreichend begründet worden sei. Solche Mittel, vor allem Katecholamine, werden in höheren Dosen verabreicht, wenn sich der Zustand von Patienten verschlechtert. Die Medikamente könnten, so der vorläufige Verdacht, eingesetzt worden sein, damit DHZB-Patienten auf den klinikübergreifenden Wartelisten für Spenderherzen vorrücken und somit bei der Vergabe eher berücksichtigt werden. Ein Bericht der zuständigen Prüfkommission liegt nicht vor. Er wird im September erwartet.

Herzzentrum wendet sich an Staatsanwaltschaft

Ein vom DHZB beauftragter Rechtsanwalt hat sich am Donnerstag an die Staatsanwaltschaft gewandt und von sich aus eine Prüfung der Vorgänge angeregt. Die Staatsanwaltschaft prüft den Anfangsverdacht einer Straftat, bestätigte ein Sprecher, ohne zu sagen, ob es dabei um bestimmte Ärzte geht. Die leitende Medizinerin, die jene Medikamente verordnet haben soll, ist noch im DHZB beschäftigt. Dem Vernehmen nach arbeitet sie derzeit in Absprache mit der Zentrumsleitung an einem Handbuch.

In Justizkreisen ist bekannt, dass in solchen Fällen auch wegen Verdachts des versuchten Totschlags ermittelt wird. Hintergrund ist der Mangel an Spenderorganen. Durch unlauteres Hochschieben von Patienten auf den Wartelisten, werden andere Erkrankte nach unten geschoben, weshalb sie womöglich zu lange warten, um rechtzeitig ein Organ zu erhalten.

Gesundheitssenator Czaja verlangte Stellungnahme vom Herzzentrum

Eine Sprecherin des Herzzentrums sagte: „Um vollständige Transparenz hinsichtlich der im DHZB überprüften Vorgänge zu erzeugen“ habe man sich selbstständig an die Staatsanwaltschaft gewandt. Zu dem laufenden Verfahren äußerte sie sich nicht. Der Chef des DHZB, Roland Hetzer, befindet sich derzeit im Ausland. Der international bekannte Chirurg gibt die Leitung des Herzzentrums im September aus Altersgründen ab. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagte, er sei vergangene Woche über die Prüfung informiert worden. Er habe das DHZB um schriftliche Stellungnahme gebeten, welche Maßnahmen ergriffen worden sein, um Missbrauch auszuschließen. Die Stellungnahme sei Mittwoch eingetroffen. Czaja wolle nun den Prüfbericht abwarten.

Seit Organspendeskandal 2012 werden Kliniken überprüft

Das DHZB wurde im Sommer von der zuständigen Prüf- und Überwachungskommission besucht. Die Prüfer fanden erst neun, später weitere 19 Verdachtsfälle. Die Kommission von Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft und Kassen überprüft seit dem Organspendeskandal 2012 Kliniken. Zu den aktuellen Vorwürfen äußerte sie sich nicht.

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