Deutschlandhalle : Kleckern statt klotzen am Messegelände

Bevor auf und um dem Messegelände am Funkturm Neues entsteht, geht die Entwicklung des Areals erst einmal in die andere Richtung: mit Abrissen und Schließungen.

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Am nächsten Samstag kommen die Sprengmeister, es dauert nur drei Sekunden und eine Staubwolke, dann ist der Spuk vorbei. Wie schon einmal im Januar 1943, als Bomber-Harris die britischen Kampfflieger nach Eichkamp schickte. Aber anders als damals denkt im Herbst 2011 niemand an einen Wiederaufbau.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
27.11.2011 16:36Am nächsten Samstag kommen die Sprengmeister, es dauert nur drei Sekunden und eine Staubwolke, dann ist der Spuk vorbei. Wie schon...

Der Bauzaun steht schon. Hellbrauner Pressspan, eine Platte an die nächste getackert, einmal rum im wackligen Zickzackkurs über den längst überflüssigen Parkplatz. Weit und breit keine Lücke zum Durchschlüpfen, und ein gutmütiger Hausmeister mit großem Schlüsselbund ist auch nicht in Sicht. „Vergessen Sie es“, sagt der Mann von der Messe, „da lassen wir keinen mehr rein, ist zu gefährlich, und wer ist dann schuld, wenn Ihnen ein Stein auf den Kopf fällt?!“ Am nächsten Samstag kommen die Sprengmeister, es dauert nur drei Sekunden und eine Staubwolke, dann ist der Spuk vorbei. Wie schon einmal im Januar 1943, als Bomber-Harris die britischen Kampfflieger nach Eichkamp schickte. Aber anders als damals denkt im Herbst 2011 niemand an einen Wiederaufbau.

Es geht zu Ende mit der Deutschlandhalle. Unwiderruflich und für immer. Am 3. Dezember wird das Stahlgerüst des Daches gesprengt, die restlichen Abbrucharbeiten werden sich bis ins neue Jahr hinziehen. Die Zeit drängt, denn bis Ende 2013 will die Messe Berlin hier eine neue Halle errichten, erst einmal als Ersatz für das sanierungsbedürftige ICC. Für kleine Meetings, für große und mittlere, aber eben nicht für Menschen, Tiere, Sensationen, das Sechstagerennen oder die Rolling Stones. Es wird in nächster Zukunft also noch ein bisschen stiller werden im Südwesten Charlottenburgs, wo die Stadt zärtlich vom Grunewald aufgesogen wird und wo eigentlich nie etwas los war, bis die werdende Weltstadt Berlin in den Zwanzigerjahren den Funkturm, die Avus und das Messegelände mit der Deutschlandhalle ins Grüne klotzte.

Im dritten Jahrtausend nun scheint es den Weg zurückzugehen. Vor zehn Jahren haben Abrissbagger die Eissporthalle an der Jafféstraße plattgemacht. Das Tribünenhaus an der Avus verrottet jeden Tag ein Stückchen mehr. Das ICC wird demnächst für ein paar Jahre zur Generalsanierung geschlossen. Und der Zentrale Omnibus-Bahnhof (ZOB) unterm Funkturm hat seit der Verlagerung des Berliner Zentrums Richtung Osten auch ein bisschen von seiner Stellung eingebüßt. Von dort aus ist es ein gut zwanzigminütiger Spaziergang bis zur Deutschlandhalle. Es liegt nicht nur in der Natur des Novembers, dass so ein Spaziergang melancholisch ausfällt. Am ZOB wartet zur Mittagsstunde in den 37 Haltebuchten kein Bus. Das Bistro ist leer, von acht Ticketschaltern sind zwei besetzt, was ziemlich genau dem aktuellen Fahrgastaufkommen entspricht. Im Schaukasten davor warnt die Polizei: „Achtung, Hütchenspieler!“ Ach, die gibt’s auch noch?

Weiter durch den Tunnel unter der Neuen Kantstraße, der 1979 zur Eröffnung des ICC eingeweiht wurde. Auf dem dreigeschossigen Brückenbauwerk wirbt die Messe auf riesigen Tafeln für die „große Bootsmesse“ und den „großen Silvesterball“. Auch im diesigen Novemberlicht ist der einst silbern glänzenden Verkleidung nur zu deutlich anzusehen, dass der Sanierungsbedarf des Kongresszentrums sich nicht auf die veraltete Haustechnik reduziert. Wenn in zwei Jahren die neue Messehalle auf dem Boden der Deutschlandhalle fertig ist, wird das ICC zur Generalüberholung geschlossen.

West-Berliner Nostalgiker befürchten schon, die Messe könnte auf diesem Wege eines der teuersten, umstrittensten, aber auch spektakulärsten Bauwerke der Nachkriegszeit still und heimlich für überflüssig erklären. „Warum sollten wir?“, sagt Messe-Sprecher Michael T. Hofer. „Das ICC ist das bestgebuchte Haus Europas. Wir wollen expandieren, dafür brauchen wir neue Kapazitäten“, und die künftige Messehalle am Ort der Deutschlandhalle sei eben kein Kongresszentrum, „das würde man völlig anders konzipieren“.

Lesen Sie auf Seite zwei mehr über das Schicksal der Avus und des Messegeländes.

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