Die Anstifterin : So rettet Ruth Cornelsen mit ihrer Stiftung bedeutende Bauten

Ruth Cornelsen – da denkt man gleich an Schulbücher. Doch hinter dieser Frau verbirgt sich weit mehr Ohne die Mäzenin wären die Bauten und Denkmäler der Hauptstadtregion nicht, was sie sind

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Freude am Stiften. Ruth Cornelsen am Berliner Dom.
Freude am Stiften. Ruth Cornelsen am Berliner Dom.Foto: Thilo Rückeis

Sie wollte das Kreuz wiederhaben. Unbedingt. Es fehlte ihr einfach, wenn sie Unter den Linden entlangging und zum Dom hochschaute. Ruth Cornelsen ist in der glücklichen Lage, sich Wünsche erfüllen zu können, von denen auch die Allgemeinheit profitiert. Die international tätige Franz Cornelsen Bildungsgruppe, die ihr verstorbener Mann aufgebaut hat, zählt zu den größten Verlagsunternehmen in Deutschland. Der Duden zum Beispiel gehört auch dazu. Zur Feier des 50. Verlagsjubiläums gründete sie 1996 die Cornelsen Kulturstiftung. Das war ihre private Hommage an den 1989 verstorbenen Ehemann. Ganz bewusst wählte sie nicht viele Satzungszwecke, wie er es vielleicht getan hätte, sondern konzentrierte sich auf den Denkmalschutz in Berlin und Brandenburg. „Durch die Öffnung der Mauer sah man ja schon, wie viele kulturhistorische Gebäude in desolatem Zustand waren.“

"Ich bin sehr dankbar für alles"

Ihr Mann hatte zuvor schon andere Stiftungen gegründet. Von ihm hat sie das Handwerk gelernt „Er hat mich ins kalte Wasser geworfen, aber durch ihn konnte ich mich wirklich entfalten“, beschreibt sie die Lehre, die sie erfahren durfte, um später Vorstandsvorsitzende der Franz Cornelsen Unternehmensstiftung werden zu können. „Es hat mich überrascht, dass man als erwachsene Frau noch so zu prägen war.“ Für beide war es die zweite Ehe. Im hellen Büro der zierlichen Frau hängen Bilder ihres verstorbenen Mannes. Er war eine der großen Verlegerpersönlichkeiten, die aus der Nachkriegszeit hervorgegangen sind, führend auf dem Gebiet der Schulbücher.

„Ich bin dankbar, dass alles viel besser läuft, als ich je gedacht hatte“, sagt sie. Dass es so gut gelaufen ist, verdankt sie wohl auch der ihr eigenen sehr realistischen Sicht auf die Welt, einer ausgeprägten inneren Festigkeit und eisernen Prinzipien. Zu den wichtigsten gehört der Grundsatz, „nicht in kleiner Münze zu geben“. Sie will das Geld nicht verstreuen, sondern Dinge aus der Vergangenheit für die Zukunft und für kommende Generationen sichtbar machen. Mit einem Anstrich hier und da ist das nicht zu machen. Das Stiftungskapital gibt in der Regel einen Ertrag von rund 750 000 Euro im Jahr. Das kann je nach Zinslage auch mal etwas weniger sein, aber die Summe wird möglichst nicht zersplittert.

Auf viele Projekte kam sie durch Zeitungslektüre

Denkmalschutz fasziniert sie auch deshalb, „weil es sich um eine Aufgabe handelt, die nie beendet sein kann.“ Aktuell liegt ihr die Neugestaltung des Kleist-Grabes am Wannsee besonders am Herzen. Wie viele ihrer Projekte fand sie auch dieses durch Zeitungslektüre. Rund 469 000 Euro gab sie, damit die Umgebung wieder nach dem ursprünglichen Bild restauriert wird. Die Fertigstellung ist für den 31. Oktober geplant. Dass der Termin auf den Todestag ihres Mannes fällt, ist zwar Zufall. Schön findet sie es aber doch. Sie versteht sich ausdrücklich nicht nur als Stifterin, sondern auch als Anstifterin. In diesem Fall gab sie das Geld erstmals ohne die Auflage, dass sich die öffentliche Hand mit fördern muss. Dass Bund oder Länder sich an ihren Projekten beteiligen müssen, gehört normalerweise zu den Grundprinzipien der Stiftung. Was ganz umsonst ist, wird oft nicht so richtig geschätzt. In diesem Fall legte das Land Berlin sogar freiwillig noch mal 400 000 Euro drauf, vielleicht auch, weil es auf eigene Verdienste um den traditionsreichen Ort Wert legt.

Um große Ergebnisse zu sehen, überwindet sie auch Widerstände, für Schloss Paretz in Brandenburg gab sie 1,5 Millionen DM mit der Auflage, dass es so zurückgebaut werden müsse wie zur Zeit der Königin Luise. So geschah es auch, und das Land Brandenburg beteiligte sich schließlich mit der Restaurierung der kostbaren Tapeten. Als der Bundespräsident vor einigen Jahren das Diplomatische Corps zum Kaffeetrinken dorthin einlud, war Ruth Cornelsen mit dabei. Klar, denn ohne sie hätte es diesen Ort so ja gar nicht gegeben.

Ein hochkarätiges Gremium

Mit den Mitgliedern ihres kleinen, aber hochkarätigen Beirats, zu dem neben ihrer Tochter und designierte Nachfolgerin Andrea Cornelsen, Gründungsmitglied Volker Hassemer und außerdem Hartmut Dorgerloh und André Schmitz gehören, ist sie auf einer Wellenlänge. Ein großer Teil ihres Engagements ist im Umfeld der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und des Berliner Landesamts für Denkmalschutz angesiedelt, denen die Mäzenin seit langem verbunden ist und für die sie auch eine wichtige Quelle ist, wenn es daran geht, große Projekte in die Tat umzusetzen.

So gab sie für die Wiederherstellung von Schloss Caputh 2,3 Millionen DM, obwohl auch das kein einfaches Projekt war. Wenn eine schnelle Entscheidung gefällt werden muss, kann sie sich auch schon mal nachträglich etwas vom Beirat genehmigen lassen, das macht vieles einfacher und flexibler. Grundsätzlich feiert sie keine Geburtstage. Da sie sich als Gestalterin sieht, feiert sie viel lieber Erntedankfeste, zum Beispiel als Schloss Schönhausen wieder hergestellt, aber noch leer war. Sie wirkt bei allem, was sie sagt, überaus ehrlich. Das verschafft Respekt.

Schloss Schönhausen war auch so ein Fall, um den sie sich lange Sorgen machte. „Ich habe immer gefürchtet, dass es in ein Drei-Sterne-Hotel umgewandelt würde.“ Es war einfach kein Geld da, um den Verfall aufzuhalten. Die Bausubstanz betrachtete sie mit der Sorge der Liebhaberin und Kennerin eines zu schützenden Baudenkmals. Schließlich bot sie 1998 eine Million DM für die Sanierung der Außenfassade, damit die Luft wieder zirkulieren konnte. Auch hier stellte sie eine Bedingung: Es muss integriert werden in die Stiftung Schlösser und Gärten. Bund und Länder sollten begreifen, „dass ich keine Lückenbüßerin bin“.

Ruth Cornelsen, ist eine Frau, die in kurzen, klaren Sätzen spricht, sehr präzise, immer das Wesentliche im Blick und immer in Sorge, ob ihr Gegenüber sie auch richtig versteht. Die gebürtige Westfälin sieht viele Gründe zur Dankbarkeit. Dass sie sich mit Tochter Andrea so gut versteht. Dass sie von netten Menschen umgeben ist. Stifterin zu sein, bedeute eben auch, „eine enorme Erweiterung der menschlichen Kontakte. Man wird überall geschätzt.“ Sie ist heilfroh, dass sie keinen großen bürokratischen Stiftungsapparat hat. Das würde alles lähmen, die Effizienz einschränken. Mit ihrer Erfahrung ist sie eine gefragte Dinner-Rednerin und als solche auch durchaus Perfektionistin. Selbstbewusstsein nimmt sie nicht übel, wenn es sich mit den richtigen Selbstzweifeln paart. „Ich gehe sehr zielorientiert vor,“ sagt sie. „Aber es ist auch eine Menge Arbeit.“ Nach 15 Jahren kann sie spazieren fahren und überall Wegweiser aus der Vergangenheit in die Zukunft betrachten, die ihrem Engagement zu verdanken sind. Das Sommerhaus von Albert Einstein in Caputh zählt dazu, das Wandbild von Max Liebermann in der Villa am Wannsee, das Kreuzbergdenkmal auf dem Kreuzberg, die Orgel in der Friedenskirche in Potsdam, die Heiliggeist-Kapelle, die Franziskaner Klosterkirche.

Freude am Stiften. Wenn Ruth Cornelsen durch die Stadt geht, sieht sie überall Spuren ihres Wirkens. Das Kreuz auf dem Berliner Dom gehört auch dazu. Foto: Thilo Rückeis
Freude am Stiften. Wenn Ruth Cornelsen durch die Stadt geht, sieht sie überall Spuren ihres Wirkens. Das Kreuz auf dem Berliner...

"Ich freue mich, wenn mich mein Kreuz begrüßt"

Als sie beschloss, das Kreuz auf die Kuppel des Doms zurückzubringen, rief sie den jungen Dombaumeister an und sagte, sie wolle es finanzieren, wenn er versprechen könne, dass die Sache in einem Jahr erledigt sei. Sie kann sich noch gut erinnern, wie glücklich er war und von einem warmen Regen sprach, der plötzlich alles veränderte. Er starb nicht lange danach, mit nur 38 Jahren. Ruth Cornelsen war glücklich, dass sie keinen großen Apparat hat, der alles nur verzögert hätte, zumal der Dom unter Kunsthistorikern nicht unumstritten ist. Wenn sie heute dorthin kommt, was häufig der Fall ist, dann, sagt sie, „freue ich mich, wenn mein Kreuz mich begrüßt“.

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