Berlin : Die Band hat den Blues

Engerling wird 30 und feiert in der Kulturbrauerei

Detlef Gottschling

Salonorchester Engerling – so nannten sich einst sechs junge Musiker und wurden prompt von einem feinen Hotel im Wintersportort Oberwiesenthal gebucht. „Wir waren absolut fehl am Platz“, sagt Bandmitglied Wolfram „Boddi“ Bodag und grinst. Schließlich hatte die Band Blues-Stücke von Willie Dixon und Muddy Waters im Gepäck. Alsbald wurde der erste Teil des Namens weggelassen.

30 Jahre alt wird die Bandlegende aus dem Osten Deutschlands und feiert das heute im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Dazu werden auch ehemalige Bandmitglieder erwartet, und moderiert wird der Abend von Rockpalast-Mann Alan Bangs.

Wolfram Bodag erinnert sich, wie alles anfing: „Heiner Witte, unseren Gitarristen seit der ersten Stunde, habe ich an der Humboldt-Universität kennen gelernt. Nur: Er hatte sein Kulturwissenschaft-Studium zu Ende gebracht – ich nicht.“ Mit der Band „Pardon“ hatte Bodag damals schon Bühnenerfahrung, doch die DDR-Oberen belegten das Projekt mit Auftrittsverbot. „An den Texten kann es damals nicht gelegen haben; wir hatten ja noch keine eigenen. Aber denen passten wohl unsere Fans nicht, die uns hinterherreisten“, vermutet Bodag heute. 1975 begann die Zeit mit Engerling. Den Namen erklärt Bodag so: „Engerlinge sind unscheinbare Tiere, aus denen erst mal was Schönes werden will – so sahen wir uns.“ Von Anfang an wurde Blues gespielt, was die Fans dieser Musikrichtung mit Begeisterung aufnahmen. Die Anhängerschar wuchs stetig, was mit der Zeit die besondere Aufmerksamkeit von Polizei und Staatssicherheit nach sich zog: Junge Leute, die sich fern des organisierten Jugendlebens bewegten, erregten Unbehagen bei den Machthabern. Ähnlich ging es den Bands, die die Blues-Kultur verbreiteten.

Spielte die Engerling-Truppe anfangs nur Stücke nach, kamen bald verstärkt auch eigene Kompositionen und Texte dazu. 1977 wurde das erste Lied auf einer Platte veröffentlicht, damals noch auf einem Sampler. Ein Werk aus den 70ern, bis heute im Programm: „Da hilft kein Jammern“, heißt das Stück, das es auch als Single gab. „Was einem nicht passt, das muss man ändern“, sagt Wolfram Bodag. Bis heute sind acht Longplayer erschienen.

Die Wende in der DDR haben Engerling unbeschadet überstanden – entgegen den Erfahrungen anderer Bands. Wolfram Bodag konnte sich obendrein noch einen Wunsch erfüllen: „Ich bin ein großer Liebhaber der Musik von Mitch Ryder, habe ihn noch zu DDR-Zeiten in Berlin erlebt – heute sind wir seit zwölf Jahren seine feste Begleitband bei seinen Europatouren.“ Im Herbst 1989 durfte Bodags Band erstmals im Westen spielen. In Hamburg hörte ein Mitarbeiter Ryders, wie Engerling mit Titeln des Rockmusikers auftraten. Der Kontakt wurde geknüpft, und seither gehen Engerling und Ryder auf Tour. Drei CDs sind aus der Zusammenarbeit entstanden. „Im Oktober gehen wir wieder zusammen ins Studio für die nächste Produktion, die zur Tournee 2006 veröffentlicht wird“, verrät Bodag. Ideen für eine eigene Platte gibt es auch – ganz wie beim echten Engerling könnte ja was Schönes daraus werden.

30 Jahre Engerling, Kesselhaus der Kulturbrauerei, Knaackstraße, Prenzlauer Berg 21 Uhr, www.engerling.de

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