• Die First Lady und der Problembezirk: Mit Daniela Schadt auf Entdeckungstour durch Neukölln

Die First Lady und der Problembezirk : Mit Daniela Schadt auf Entdeckungstour durch Neukölln

"Wow! Wusste ich nicht": Die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck hat auf einem Spaziergang Neukölln erkundet. Schon als Journalistin stritt sie für eine bessere Integrationspolitik. Beim Rundgang war sie nun ziemlich oft überrascht.

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Schadt hatte eine Menge Anlaufpunkte - und lernte große wie kleine Neuköllner kennen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
02.11.2014 14:07Schadt hatte eine Menge Anlaufpunkte - und lernte große wie kleine Neuköllner kennen.

Sie habe sich selbst zum Spaziergang nach Neukölln eingeladen, erinnert Daniela Schadt ihre Gastgeber aus dem Bezirk. Sie war nämlich noch nie so richtig hier, wollte sich aber schon immer ein eigenes Bild machen von den angeblich vielen Problemen mit den vielen Migranten. Es wurde also Zeit. Bevor es aber losgeht mit der Erkundungstour, nimmt sie noch kurz Platz in einem schicken türkisch-italienischen Café in Rixdorf. Links und rechts sitzen die Mitglieder der hiesigen Salaam-Schalom-Initiative: Juden, Muslime, Christen, Atheisten. Bosniaken, Ungarn, Türken, Israelis, Palästinenser, Deutsche. Jung und Alt, deutschsprachig und weniger deutschsprachig, alles ist vertreten. Daniela Schadt hört konzentriert zu, spricht so ausführlich, dass sie selten zum Teetrinken kommt.

Schadt, die ehemalige Politikjournalistin, las über das interkulturelle Engagement der Initiative in der Zeitung. Zusammen mit Bundespräsident Joachim Gauck lud sie sie im Sommer ins Schloss Bellevue ein. Begeistert sei sie von der interkulturellen Arbeit, erklärt sie ihren Gegenbesuch. Vor allem der jüdisch-muslimische Dialog, die Diskussionsrunden, die Solidaritätspartys, die Videoprojekte der Initiative fände sie „super“. In Zeiten, in denen Antisemitismus und Islamophobie, Extremismus und Gewalt Dauerthemen seien, tue endlich jemand etwas. Im Kleinen zwar, aber immerhin. Daniela Schadt, so scheint es, sucht ein besonderes Thema für ihre Zeit als First Lady der Nation. Vielleicht findet sie es ja auf dem harten Pflaster von Neukölln.

Aber nun geht’s erst mal ans Spazierengehen. Schadt ist an diesem sonnig-kühlen Oktobermorgen ungezwungen sie selbst. Zumindest, wenn ihre Bodyguards etwas weiter weg sind, ihre Mitarbeiterinnen sie nicht auf den Zeitplan aufmerksam machen. Vor einem kleinen böhmischen Fachwerkhaus bleibt sie stehen. Sie wusste nicht, dass Neukölln schon immer ein Ort der Einwanderung war. Zunächst waren hier die Böhmen, dann die Tschechen, heute die Türken, Araber, Spanier und Griechen, junge Israelis und 145 weitere Nationalitäten. Daniela Schadt findet Neukölln aber weiterhin „idyllisch“. Die Ausdrücke „wow“, „wusste ich nicht“ und „das ist für mich neu“ mehren sich auf dem Weg Richtung Rathaus: „Eine iranisch-christliche Gemeinde? Und dazu noch reformiert? Wow! Wusste ich nicht. Das ist für mich neu.“

Schon in ihren Kommentaren für ihren damaligen Arbeitgeber, die „Nürnberger Zeitung“, schrieb Schadt regelmäßig zum Themenkomplex Migration und Integration. Bei der Lektüre ihrer Leitartikel lässt sich gut nachvollziehen, wie sich in Deutschland die Debatte über Einwanderung entwickelte. Schrieb Schadt Mitte der neunziger Jahre noch von „Ausländern“, bezeichnete sie diese nach der Jahrtausendwende eher als „Migranten“. Heute spricht sie von „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „Deutschen türkischer oder sonstiger Herkunft“. Eine gute Schulfreundin in ihrem Geburtsort Hanau sei Türkin gewesen, sagt sie vor der Halal-Fleischerei. Alles kein Problem, warum auch?

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