Berlin : Die fliegende Kamera

Das Ding hat acht Rotoren, ist filigran steuerbar – und schon bei Hollywood-Drehs im Einsatz: eine Drohne transportiert Hightech-Kameras. Die Erfindung eines Kreuzbergers revolutioniert die Filmbranche.

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Der wirbelt ganz schön Staub auf. Der „Omcopter“, made in Kreuzberg, macht im Film völlig neue Perspektiven möglich. Foto: Promo
Der wirbelt ganz schön Staub auf. Der „Omcopter“, made in Kreuzberg, macht im Film völlig neue Perspektiven möglich. Foto: Promo

Pistolenkugeln surren an Til Schweigers Kopf vorbei. Schnell in Deckung hinter parkenden Autos. Zu Fuß flieht der Schauspieler in seinem neuen Film „Schutzengel“ durch Mitte. Verfolgt vom Schurken und von einem fliegenden, futuristischen Mini-Helikopter. Der umschwirrt erst den ballernden Bösewicht, beschleunigt dann und bleibt schräg über Schweiger stehen. Im Film ist das Fluggerät nicht zu sehen. Es ist eine mit einer hochauflösenden Kamera bestückte Drohne. Der „Omcopter“ ist eine Kreuzberger Erfindung und war schon für große Hollywoodproduktionen im Einsatz. Mit ihm wollen seine Macher vom Erkelenzdamm die Kameraführung revolutionieren. Im Rahmen der Berlinale haben die Kreuzberger ihre Erfindung in den Neuköllner Geyer-Werken vorgestellt. „Unser Omcopter löst Aufnahmetechniken wie Kamerakräne und Helikopter ab und kann Filmproduktionen viel Geld einsparen“, sagt Timor Kardum, 33. Er ist der Chef der Kreuzberger Omstudios, einer Produktionsfirma für Videos und Filmeffekte. Der Omcopter könne sich in jede Richtung bewegen, bis zu 300 Meter vom Piloten weg, er sei bis zu 40 Stundenkilometer schnell und in 15 Minuten einsatzbereit. Nur bei starkem Wind und Regen bleibe die Drohne am Boden. Durch die acht Rotoren sei sie präzise steuerbar.

So manövrierten Piloten das Hightech-Spielzeug für eine „Tatort“-Folge durch eine zwei Meter große Öffnung aus der Hamburger Elbphilharmonie ins Freie. 4000 Euro Miete kostet die fliegende Kamera mit einem Drei-Mann-Team pro Tag. Ein Helikopter sei drei Mal so teuer, sagt Kardum. Mit Kamera wiegt der Omcopter keine 13 Kilo. Auf dem Kamerakopf, der mechanisch Flugbewegungen ausgleicht, sitzt das Modell „Epic“ des Herstellers Red. Diese Superkamera hat eine Auflösung von 5K – das Fünffache von FullHD, schwärmen die Hersteller. Mit 48 Epic-Kameras – aber ohne Drohne aus Berlin – hat Peter Jackson den Kinohit „Der Hobbit“ gedreht. Die Epic kostete bei Markteinführung 40 000 Euro – ohne Objektiv, der Omcopter 60 000 Euro. Der Erfinder der Drohne ist Stefan Müller, 26, einer von Kardums Mitarbeitern. Der studierte Fotograf hat den Omcopter im Jahr 2010 auf Wunsch seiner Chefs gebaut, das erste Modell hatte noch einen Kamerakopf aus Holz. Mittlerweile surrt leichte Kohlefaser durch die Luft.

„Schon in der Schule wollte ich einen Helikopter mit Kamera bauen“, sagt Müller, nach dem Vorbild einer holländischen Firma. Die hat seine Erfindung nun offenbar schon ausgestochen. Für den Hollywood-Blockbuster „Fast & Furios 6“ buchten die Produzenten die Berliner Tüftler. Da filmte die Drohne in Glasgow Autos, die durch Gassen rasten, in Gebäude krachten. Bei so einer Produktion kann man auch mal einen 500 000 Euro teuren und mit Raketen unter dem Boden ausgestatteten BMW M5 verschrotten.

Als die Berliner ein erstes Video der Drohne im Einsatz ins Internet stellten, klingelten die Telefone. Til Schweiger kam vorbei, der Autobauer Mercedes. Für den Fernsehsender BBC ließen die Berliner die Drohne durch Tokios Katakomben und die Ruinen auf der japanischen Insel Hashima surren. Auch Hollywood ruft regelmäßig in Kreuzberg an. So unter anderem die Macher von Tom Cruises Film „Oblivion“. Aus dem Job wurde aber nichts. „In den USA herrscht leider generelles Drohnenflugverbot.“ Selbst in Berlin darf der Omcopter nicht durch die Luft zischen. „Sperrzone“, sagt Kardum. „Wir werden noch als Modellflieger betrachtet“, sagt Müller. Demnächst solle es aber neue gesetzliche Bestimmungen geben. Trotzdem haben die ersten Flüge im Hinterhof der Gewerbefabrik am Kreuzberger Erkelenzdamm stattgefunden. Jedenfalls so lange, bis die Nachbarn genug davon hatten. Der Discovery Channel, sagen sie, wolle jetzt einen Film über sie drehen. Dann wechseln Kardum und Müller ausnahmsweise mal vor die Kamera.

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