Die Geldmaschine : Wie das Geschäft mit Schrottimmobilien funktioniert

Alle spielten mit: ein Immobilienhändler, eine Bank und Notare, die das Geschäft beurkundeten. Die Geschichte einer Wohnung und zweier Käufer, die über den Tisch gezogen wurden.

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Schrottimmobilien. Etwa 4000 davon wurden in Berlin im Jahr 2011 Käufern angedreht – unsaniert oder erheblich überteuert.
Schrottimmobilien. Etwa 4000 davon wurden in Berlin im Jahr 2011 Käufern angedreht – unsaniert oder erheblich überteuert.Foto: Caro / Muhs

Als Clemens Zug von seiner Bank einen Brief bekommt, ist alles zu spät. Im Herbst 2003 hat die Deutsche Kreditbank (DKB) den Darlehensvertrag mit ihm gekündigt und ihn aufgefordert, den Rest eines Kredits in Höhe von 77 560 Euro zu begleichen. Zug war lange arbeitslos gewesen, bevor er einen Job als Fahrer gefunden hatte. Dann hatte sich Clemens Zug, dessen richtiger Name anders lautet, mit dem Kredit drei Jahre zuvor eine Wohnung in der Chodowieckistraße in Berlin Prenzlauer Berg gekauft. Zurückzahlen konnte er ihn bald nicht mehr. Also schickt ihm die Bank eine vorbereitete notarielle Verkaufsvollmacht zu, um die Immobilie zu einem guten Preis loszuschlagen, damit die verbleibende Restschuld so gering wie möglich für Zug ausfallen würde. Dieses Dokument unterschreibt Zug im März 2004.

Damit könnte alles für ihn vorbei sein. Doch jetzt fängt das Drama erst richtig an. Es ist nicht nur die Geschichte eines Mannes, der sich eine Immobilie andrehen lässt, die er sich nicht leisten kann. Es ist auch ein Fallbeispiel dafür, wie aus der Gutgläubigkeit Einzelner Kapital geschlagen wird und der Preis einer Wohnung innerhalb weniger Monate abenteuerliche Sprünge machen kann. Die Notare haben in sechs Jahren mit der dreimal verkauften Wohnung in der Chodowieckistraße zu tun.

Gegen beide sowie gegen Kurzzeitsenator und CDU-Politiker Michael Braun prüft nun das Landgericht als Aufsichtsbehörde Beschwerden wegen Ungereimtheiten. Seit Bekanntwerden der „Schrottimmobilien-Affäre“, die Braun im Dezember zum Rücktritt als Justiz- und Verbraucherschutzsenator gezwungen hat, sind bisher 72 Beschwerden von Bürgern über 19 Notare im Gericht eingegangen.

Auch die Beschwerden gegen die Notare, die mit dem Verkauf in der Chodowieckistraße zu tun haben, werden intensiv geprüft.

Das Wort Schrottimmobilien ist kein juristischer Begriff. Er hat sich für einen Typ von Immobilienobjekten eingebürgert, die sich in einem nicht oder schlecht sanierten, mehr oder weniger desolaten Zustand befinden, so dass auf Neueigentümer erhebliche Zusatzkosten zukommen. Aber auch gut sanierte Immobilien fallen darunter, sofern sie deutlich überteuert den Besitzer wechseln. 2011 wurden in Berlin etwa 4000 Immobilien auf diese Weise verkauft, schätzen Branchenkenner. Das Geschäft mit Wohneigentum bleibt äußerst lukrativ.

Von dem, was eine Immobilie wert ist, hatte Clemens Zug wenig Ahnung. Eigentlich wollte er sich auch mit diesem Thema gar nicht befassen, als er im Jahr 2000 mit seinem neuen Job als Fahrer auf die Suche nach einem kleinen Darlehen ging. Über ein Zeitungsinserat geriet er an einen Finanzvermittler. Dieser versprach ihm ein Darlehen in Verbindung mit dem Kauf einer vermieteten Wohnung in der Chodowieckistraße. Zug unterschrieb einen Kaufvertrag über 61 100 Euro. Der Vermittler versprach dem Kleinverdiener, dass sich die Wohnung als Kapitalanlage durch Mieteinnahmen und Steuereinsparungen faktisch „von selbst“ finanzieren würde. Der Kaufpreis und die Nebenkosten wurden durch ein Bankdarlehen bei der DKB in Höhe von damals 125 475 D-Mark finanziert.

Die 40-Quadratmeter-Wohnung hatte Clemens Zug nie gesehen. Außerdem sollte der Kauf schnell abgewickelt werden. Er unterschrieb an einem Sonnabend den Vertrag in der Berliner Kanzlei von M. Manfred Oehme in Grunewald. Die Kanzlei gab auf Nachfrage keine Stellungnahme ab.

Es war der Fehler Zugs, sich eine Wohnung andrehen zu lassen, die er ursprünglich nicht gewollt hatte. Nachdem er der Bank den Verkauf seines ungewollten Eigentums überlassen hatte, hörte er sechs Jahre lang nichts mehr von ihr. Erst vergangenen August wieder. Da bekommt er ein Schreiben des Inkassounternehmens Infoscore Forderungsmanagement. Darin steht, dass er jetzt noch etwa 50 000 Euro Schulden habe. Die fordert die Bank nun plus Zinsen von ihm zurück.

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