Berlin : Die geliehenen Lieder

1996 starb Sängerin Tamara Danz. Jetzt tourt Silly wieder – und Gäste singen

Nana Heymann

Als sie dann von der kleinen Bühne aus die Gesichter im Publikum gesehen haben, die begeisterten, seligen Blicke, da wussten sie, dass es richtig war, dieses Konzert. Ein Konzert, ohne die Hauptperson der Band, ein Silly-Konzert ohne Tamara Danz. Ohne die Frontfrau, die Sängerin, die 1996 an Brustkrebs gestorben war.

Sie hatten ein mulmiges Gefühl. „Am Anfang kamen starke Emotionen und Erinnerungen an Tamara hoch“, sagt Keyboarder Ritchie Barton nach dem kleinen, exklusiven Konzert im Frannz-Club, das eine Art Generalprobe war für die Tour, die es jetzt geben wird. „Silly & Gäste“ heißt die, weil statt Tamara Danz nun andere singen: Joachim Witt, Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß, Katy Karrenbauer, IC Falkenberg, Anja Krabbe oder City-Frontmann Toni Krahl. Und es funktioniert, die Lieder bleiben Silly-Lieder. Auch die drei Musiker funktionieren wieder. Ritchie Barton, Jäckie Reznicek und Uwe Hassbecker, der auch der Ehemann von Tamara Danz war, spielen im bunten Scheinwerferlicht ihre Hits, mit denen sie damals DDR-Rockgeschichte geschrieben haben, ganz so, als wäre es nicht fast zehn Jahr her, dass sie zum letzten Mal gemeinsam auf einer Bühne gestanden haben.

In den 80ern veröffentlichte Silly Alben wie „Mont Klamott“ oder „Februar“, und die Band rettete ihren Erfolg über die Wende hinweg, was sie größtenteils ihrer charismatischen Frontfrau verdankte: Tamara Danz, die kleine, löwenmähnige Sängerin, hat mit ihrer kraftvollen, sehnsüchtigen Stimme das Publikum gewonnen, gemeinsam mit ihr stimmte die Menge in Hits wie „Bataillon d’Amour“ oder „Verlorene Kinder“ ein.

Nach dem laut beklatschten Auftritt im Frannz-Club erzählen die Musiker von damals. Im Sommer 1995 habe Tamara Danz „Wir sehen uns nächste Woche in Leipzig“ gesagt, sagt Bassist Jäckie Reznicek und blickt, während er spricht, oft zu Boden. Denn dazu kam es nicht mehr. Bei Tamara Danz wurde Brustkrebs im Endstadium diagnostiziert, auch Operationen halfen nicht mehr, sie starb im Juli 1996. Kurz vor ihrem Tod habe er Tamara Danz versprechen müssen, „zusammen mit den anderen weiterzumachen“, sagt Reznicek. Niemals hätte sie es ihnen gestattet, fast zehn Jahre zu warten. Doch ihr schneller Tod hinterließ eine riesige Lücke, lähmte die Band. Wie sollte es denn ohne sie weitergehen?

Hassbecker, Barton und Reznicek suchten seither lieber Zerstreuung und Ablenkung in anderen Projekten. Sie begleiteten Sänger Joachim Witt auf seinen Tourneen, sie besuchten Beatles-Festivals in Liverpool oder musizierten mit ihren Teenager-Söhnen daheim im Probenraum in Münchehofe bei Berlin. Doch die Vergangenheit holte sie immer wieder ein – bis eines Tages der Entschluss stand, es noch einmal zusammen zu probieren, mit den immer noch großartigen, zeitlosen Stücken von einst.

Die „Silly & Gäste“-Tour erinnert an zwei Bandmitglieder: an Tamara Danz und an Herbert Junck. Der Schlagzeuger der Band starb vor zwei Monaten. Auf der Bühne steht nun Rezniceks Sohn Sebastian.

Am Sonntag, dem 16. Oktober, spielen „Silly & Gäste“ im Tempodrom. Weitere Tourdaten: www.wernesgruener.de

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