Die Hauptstadt im Film : Mit der DDR-Tramfahrerin "Johanna" durch Berlin

Im DDR-Fernsehen spielte Ute Lubosch als „Johanna“ eine BVB-Tramfahrerin. Jetzt gibt es die Serie als DVD - und die Schauspielerin setzt sich aus diesem Anlass noch einmal hinters Steuer.

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Hoch in dem gelben Wagen. Als Ute Lubosch 1989 für das DDR-Fernsehen „Johanna“ drehte, waren die Fahrersitze einer Tatra-Straßenbahn noch etwas härter gefedert. Die alten Fahrzeuge wurden runderneuert, sind aber noch immer im Einsatz.
Hoch in dem gelben Wagen. Als Ute Lubosch 1989 für das DDR-Fernsehen „Johanna“ drehte, waren die Fahrersitze einer...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Johanna Rothermund ist, was man einen duften Kumpel nennt. Und hübsch dazu. Sie kümmert sich um alle und alles, wird zur Vertrauensfrau gewählt, verwaltet die Brigadekasse. Alberne Dienstanweisungen pariert sie mit einem Lächeln, ihre wilden schwarzen Dauerwellen scheinen so unverwüstlich wie sie selbst. Mit ihrem persönlichen und dienstlichen BVB-Kunterbunt füllte die Straßenbahnfahrerin 426 Minuten im DDR-Fernsehen. Sieben Folgen voller Berliner Tram-Geschichten, im Herbst 1989 ausgestrahlt und jetzt auf DVD veröffentlicht. Darin sind manche Kleinigkeiten versteckt, die die damalige Situation im Lande deutlich machten. „Wir machen uns zu wenig Gedanken über alles“, sagen sie und meinen nicht nur ihre Brigade, die bald nach der Wende zum „Team“ oder zur „Gruppe“ werden sollte. Das Kollektiv war einmal. Und doch erfährt der Zuschauer eine Menge von jener Art des Umgangs miteinander, die zumeist als lässig und warmherzig-menschlich im Gedächtnis geblieben ist. Deshalb kann man sich heute noch (oder wieder) daran erinnern, dass die Brigade wie eine Familie funktionierte. Dazu bei der Straßenbahn, damals wie heute ein verschworener, berufsstolzer Haufen. Man wird an manches erinnert, auf das man gern verzichten kann: Parteiverfahren, dreieckige Milchtüten, Volkskunstzirkel, Dimitroffstraße. Und ziemlich viele Häuser ohne Prunk und Putz, an denen die Tatra-Bahn mit Johanna vorüberfährt – für 20 Pfennige pro Fahrschein aus der Zahlbox. Manches wirkt wie aus der Zeit gefallen, uninteressant ist es nicht, Berlins Mitte im Zustand von 1989 wiederzusehen.

Foto: Promo
Foto: Promo

Heute hätte es Johanna mit 1000 Kollegen zu tun, die auf 190 Kilometer Gleisen an die 500 000 Leute pro Tag befördern. Die Straßenbahnen sind moderner, auf die alte Tatra kann dennoch noch nicht verzichtet werden. Hauptdarstellerin Ute Lubosch sitzt für unsere Fotografin wie einst im Mai im engen Fahrerhäuschen, der Sitz ist nicht mehr so hart wie damals, er wippt gefedert auf und nieder. Die Handgriffe und Fußbewegungen beherrscht die 60-Jährige noch immer. Ute Luboschs Erinnerungen an den Dreh: Man habe darum gekämpft, oberflächliche Darstellungen im Buch zu verändern. „Beim Streit um Inhalte konnten wir immer Einfluss nehmen, so angepasst wie heute waren wir damals nie.“ Deshalb solle man sich das als Ossi gern ansehen, „vielleicht kann man sogar etwas lernen“. Der Film wäre damals um ein Haar nicht gesendet worden, plötzlich brodelte die Gerüchteküche: Die Lubosch ist in den Westen abgehauen. O Gott, was nun? Wegen des ersten Buchstabens im Nachnamen gab es eine Verwechslung: Nicht Lubosch, sondern Cornelia Lippert war weg. Am Ende lief der Film dann doch, Ute Lubosch war noch da, und das Fernsehen entschuldigte sich bei ihr.

Ihre Filmografie ist lang. Heute lehrt sie an der HMT Rostock, an der „Ernst Busch“-Hochschule, Abteilung Puppenspiel, an der Berliner Schauspielschule und der Sozialpädagogischen Hochschule Mittweida. Einer ihrer Verehrer ist Straßenbahn-Direktor Klaus-Dietrich Matschke von der BVG. Der freut sich aufs Wiedersehen per DVD. „Gesellschaftsunabhängig ist die Bindung der Kollegen genauso ausgeprägt wie damals; Berufsstolz, Zusammengehörigkeitsgefühl, Eigeninitiative sind gefragt wie eh und je.“ Angefangen hatte alles 1865, vor fast 150 Jahren. Zum Jubiläum 2015 wird die Tramfahrerin auf Zeit Ute Lubosch dabei sein. Allerdings nicht auf dem Fahrersitz.

Johanna. Mit Ute Lubosch, Cornelia Lippert, Karin Düwel u.a. Siebenteilige Serie des DDR-Fernsehens von 1989. Regie und Drehbuch: Peter Hagen. Box mit drei DVD, Telepool/Icestorm, 19,95 Euro

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