• Die komplette Exklusiv-Recherche: Neue Indizien und Widersprüche: Auf der Spur des Maskenmanns

Die komplette Exklusiv-Recherche : Neue Indizien und Widersprüche: Auf der Spur des Maskenmanns

Der spektakuläre Prozess um zwei Überfälle und eine Entführung bei Berlin steht vor dem Abschluss, doch womöglich muss er neu aufgerollt werden. Nach Tagesspiegel-Recherchen gibt es neben dem Angeklagten noch einen zweiten Verdächtigen: ein einstiger Polizist, dessen Spur nicht verfolgt wird.

Renate Rost
Suche nach dem Täter: Ein Polizeisprecher präsentierte 2011 ein Phantombild vom Maskenmann in Tarnkleidung.
Suche nach dem Täter: Ein Polizeisprecher präsentierte 2011 ein Phantombild vom Maskenmann in Tarnkleidung.Foto: ddp images/Klaus-Dietmar Gabbert

Lebenslänglich fordert Staatsanwalt Jochen Westphal vor ein paar Tagen in seinem Plädoyer vor dem Landgericht Frankfurt (Oder). Kurz vor Prozessende steht ein hartes Urteil im Raum für den Angeklagten, Mario K. aus Berlin-Marzahn. Dem 47 Jahre alten Dachdecker wird versuchter Mord, versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und erpresserischer Menschenraub vorgeworfen. Seine mutmaßlichen Opfer stammen vorrangig aus wohlhabenden Unternehmerfamilien aus Berlin: Petra P., ihre Tochter Louisa P., Torsten H. und Stefan T.

Viele Verhandlungstage befasste sich das Gericht mit der Polizei

Der sogenannte Maskenmann-Fall ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle – nicht nur wegen der Taten, sondern auch wegen der Ermittlungen der Polizei, mit denen sich das Gericht an der Hälfte der 53 Verhandlungstage befasste. Polizisten standen im Kreuzverhör, das Sittenbild einer Mordkommission entstand: Von Mobbing, Maulkorb und vorenthaltenen Ermittlungsergebnissen war die Rede. Vier Ermittler, die in alle Richtungen ermitteln wollten, wurden vom Fall abgezogen und teils versetzt. Einer hat sich selbst wegen Strafvereitelung im Amt angezeigt. Eine Hauptkommissarin quittierte freiwillig ihren Dienst und läuft lieber Streife. Warum fanden diese Polizisten kein Gehör? Was sollte nicht öffentlich werden? Erst im Gerichtssaal wurde jedenfalls bekannt, dass – nachdem die Ermittler den Angeklagten Mario K. im Visier hatten –, sogar ein Phantombild geändert wurde.

Das Plädoyer des Staatsanwalts besteht wie zu Beginn seiner Anklage nur aus Indizien. Beweise gegen Mario K. gab es von Anfang an nicht. Keine Tatwaffe, keine DNA, auch kein Motiv. „Doch es muss passen“, verteidigt Staatsanwalt Jochen Westphal immer wieder seine Indizienkette.

Die drei Taten binnen eineinhalb Jahren bestreitet Mario K. bis heute. „Ich bin der Falsche“, sagt er zu Prozessbeginn. Ist er es? Die Frage kann man stellen, wenn man einer anderen Spur nachgeht, die die Ermittler früh aufgaben. Der Tagesspiegel folgte der Spur und vielen offenen Fragen.

Ein neuer Blick auf den "Maskenmann-Prozess"
Der Tatverdächtige Dachdecker Mario K. verdeckt im Gerichtssaal im November 2014 sein Gesicht mit einem Schnellhefter. Unsere Fotogalerie zum Fall.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Patrick Pleul/dpa
18.05.2015 08:49Der Tatverdächtige Dachdecker Mario K. verdeckt im Gerichtssaal im November 2014 sein Gesicht mit einem Schnellhefter. Unsere...

Die Opfer und die Taten

Petra P., das erste Opfer, ist eine getrennt lebende Ehefrau einer reichen Unternehmerfamilie, der etwa das Europa-Center in Berlin gehört. Am 22. August 2011 um 22.10 Uhr, zur immer gleichen Zeit, wenn sie ihre drei Hunde aus der Villa in Bad Saarow in den Garten ausführt, wird sie überfallen. Ein maskierter Mann kommt – so sagt sie es – leichtfüßig, im Zickzack angerannt und schlägt mit einem Knüppel mehrfach auf sie ein. Später erklärt Staatsanwalt Westphal: Die Behinderung des Angeklagten durch eine Arthrose würde den Ausfallschritt begründen. Was er nicht erwähnt, ist, dass Frau P. bei der Polizei etwas anderes vermutete. Der Täter könnte auch den Hunden ausgewichen sein, die ihr während des Überfalls zwischen den Beinen herumsprangen. Mit viel Kraft und Wucht, von oben, soll er geschlagen haben, berichtet sie. Ihre Verletzungen bestätigen das. Wie „Stakkato“, beschreibt die 61-jährige, zierliche Frau die Knüppelschläge. Insider vermuten, dass der Täter wütend gewesen sein muss. Er soll nur einen Satz zu ihr gesagt haben: „Halt die Schnauze!“ Die Haushälterin hört Hilfeschreie und eilt herbei, der Täter flieht kurz darauf. Doch zuvor verharrt er für einen Moment vor seinem Opfer.

Das Phantombild des Täters wird veröffentlicht: ein Mann, 1,70 Meter groß, schlank, sportlich, 35 bis 50 Jahre alt. Er trug einen rötlichen Bart unter schwarzer Sturmhaube, sagt Frau P., dazu Tarnjacke, schwarze Hose. Es gibt keine Lösegeldforderung, nichts wird gestohlen.

Der nächste Überfall passiert nur zwei Monate später, am 2. Oktober 2011. Familie P. lässt inzwischen das Grundstück von einem Wachschutz sichern, die Tochter gibt ihre Lehrstelle auf, um der Mutter beizustehen. Morgens gegen 7.18 Uhr gehen die 23-jährige Louisa P. und Bodygard Torsten H. vom Reitstall aufs Haus zu, als ein Maskierter vor ihnen auf der Straße vor der Villa steht. Es gibt einen heftigen Wortwechsel zwischen Bodygard und Täter. Torsten H. beschimpft den Maskierten als „Gotcha-Affen“. Der Maskierte ruft Louisa zu: „Geh auf den Boden, Mädchen.“ Sie tut es. Aber der Wachmann schreit: „Lauf, Louisa.“ In diesem Moment lädt der Täter blitzschnell eine Waffe durch und schießt aus nur vier Metern Distanz Torsten H. in den Oberkörper. Der wird später querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzen. Der Täter schießt Louisa zweimal hinterher, sie bleibt unverletzt. Auch bei diesem Fall wird kein Lösegeld gefordert.

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