Berlin : Die Kulturmeile

Raum für Kunst in der Kopenhagener Straße

Moritz Honert

„Räumlicher und funktionaler Cluster“ – so nennt eine Studie von Geographen der Humboldt-Universität einen einfachen Sachverhalt: In der Kopenhagener Straße ist es zu einer Ballung von Kulturschaffenden gekommen. Wer die ruhige Straße in Prenzlauer Berg durchschreitet, begegnet einer Fülle von Illustratoren- und Architekturbüros, Film- und Tonstudios, Grafikdesignern und Galerien. Auch eine Maßschneiderei und ein kleines Theater drängeln sich auf dem kurzen Stück zwischen Sonnenburger und Rhinower Straße. In den Wohnungen über den Büros wohnen Schauspieler, Autoren und Maler.

45 Kulturschaffende zählte die Studie. „Die Ballung ist so schon etwas Ungewöhnliches“, sagt Katja Adelhof, die die Untersuchung leitete. „Unsere These war, dass Personen mit gleichen Interessen zum gegenseitigen Austausch eine räumliche Nähe suchen.“ Für den Kreativ-Boom in der Kopenhagener Straße sahen die Geographen aber einen konkreten Auslöser: Steven Otto. Der gebürtige Kanadier und kaufte im Jahr 2000 mit Investoren die Häuser Nummer 14, 15 und 16. In eine der Wohnungen zog er selbst. Die anderen vermietet er am liebsten an Künstler, die es mit ihren unregelmäßigen Einkommen oft schwer haben, als Mieter akzeptiert zu werden. Deshalb gilt Otto, der 1995 nach Deutschland kam und hauptberuflich als Vermögensverwalter arbeitet, als so etwas wie der inoffizielle Kunstmäzen des Bezirks.

Eine Rolle, die dem 37-Jährigen nicht wirklich gefällt. „Als wir die Häuser kauften, haben hier ja bereits Künstler gewohnt“, sagt Otto. „Mein Plan war nicht, hier bewusst eine Kunstmeile zu etablieren“, betont er. „Mir ging es darum, das gewachsene Klima zu erhalten und zu fördern. Das halte ich für den natürlichsten Weg.“ Dennoch schlug ihm zu Beginn herbes Misstrauen von Seiten der Mieter und durch Bauauflagen entgegen. Dabei kamen ihm übertriebene Komplettsanierungen, mit denen oft die alten Bewohner gegen zahlungskräftigere vertrieben werden, gar nicht in den Sinn. Für den praktizierenden Buddhisten Otto wäre ein solches Verhalten unverständlich, und das Misstrauen verflog dann auch schnell.

Nur freundliche Worte findet zum Beispiel Mieterin Marta Ricci von der Galerie Lichtschliff: „Wir sind hier vor vier Jahren eingezogen. Freunde von uns waren bereits da, und Steven hat uns einen sehr entgegenkommenden Preis gemacht.“ Für die Wohnungen nimmt er im Schnitt 6 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete. Saniert wäre für ihn weit mehr drin. Kollegen, die bei einem solchen Wirtschaften schon ein finanzielles Desaster heraufziehen sahen, strafte er Lügen.

Vor zwei Jahren kaufte Otto weitere Häuser in der Schwedter- und der Korsörer Straße, die er nach ähnlichem Konzept vermietet. Manch einer beäugt die Entwicklung allerdings kritisch. Auf dem Bürgersteig in der Kopenhagener Straße steht Dietmar Ritter, Maler, seit 1997 im Kiez zu Hause. „In den letzten zwei, drei Jahren ist es hier merklich voller geworden. Da ist jetzt ein Sushi-Laden, dort kann man plötzlich Yoga machen. Wenn das so weiter geht“, sagt er besorgt, „dann kommen irgendwann die Yuppies, und dann ist es ganz schnell vorbei. Dann wird saniert, die Preise steigen, und aus ist es mit der Künstlerkolonie.“ Otto begegnet solchen Sorgen mit der Ruhe und Gelassenheit eines Buddhisten. „Das kann natürlich passieren“, sinniert er. „Die Zeit wird es zeigen.“

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